Einkauf

Der Warenkorb ist leer.

Gehört der Roman “Faserland” in den Deutschunterricht – Kritischer Kommentar zu dem Roman “Faserland” von Christian Kracht

Der vor­lie­gende Aufsatz ist gleich­falls abge­druckt wor­den in: “Gymnasium in Niedersachsen” Heft 4/2013 und Heft 1/2014.

GEHÖRT DER ROMAN „FASERLAND“ IN DEN DEUTSCHUNTERRICHT?

von Dr. Klaus Zobel

Zum Zentralabitur 2013 ist in Niedersachsen die Entscheidung getrof­fen wor­den, neben Schillers Kabale und Liebe den Roman Faserland von Christian Kracht1 als ver­bind­li­che Lektüre im Fach Deutsch fest­zu­le­gen. Da Krachts Text zu sehr umstrit­te­nen Einschätzungen geführt hat, sei hier auf Wunsch etli­cher Kollegen der Versuch unter­nom­men, der Frage nach­zu­ge­hen, ob sich die­ses Werk eig­net, ins Zentrum des Deutschunterrichts der Oberstufe gerückt zu wer­den. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass das Bild von der deut­schen Literatur gerade ange­sichts der ein­ge­schränk­ten Leseerfahrungen unse­rer Schüler/innen maß­geb­lich durch die Beschäftigung mit die­sem Text geprägt wird, der durch die Entscheidung der Behörde in den Rang eines bedeut­sa­men Werks geho­ben wird. Man sollte sich bewusst sein, dass die Auswahl eines Prüfungstextes zwangs­läu­fig zu ganz erheb­li­chen Auswirkungen auf Anlage, Zielsetzung und Niveau des Unterrichts füh­ren muss.

Es geht hier also nicht um eine lite­ra­tur­his­to­ri­sche Einordnung des Romans oder um seine gat­tungs­poe­ti­sche Bestimmung, son­dern es gilt zu son­die­ren, ob aus fach­di­dak­ti­scher Sicht die Auswahl die­ses Textes über­zeu­gend zu begrün­den ist. In den fol­gen­den fünf Kapiteln wer­den cha­rak­te­ris­ti­sche Inhalte und Merkmale des Romans dar­ge­legt, an Hand derer eine sach­ge­rechte und kri­tisch fun­dierte Entscheidung über die Eignung die­ses Werks für die Erarbeitung im Deutschunterricht erleich­tert wer­den soll.

I. DIE FIXIERUNG AUF DIE BESCHREIBUNG VON FÄKALIEN

Der Roman wird uns aus der Sicht eines Icherzählers prä­sen­tiert, bei dem es sich um einen finan­zi­ell unab­hän­gi­gen Müßiggänger han­delt, der mehr oder weni­ger impres­sio­nis­tisch seine Eindrücke von einer Nord-Süd-Reise wie­der­gibt, die ihn ohne ein klar umris­se­nes Konzept von Sylt über Hamburg, Frankfurt und Heidelberg nach München führt, von wo aus er dann seine Fahrt nach Meersburg und Zürich fort­setzt. Von der Erscheinung des jun­gen Mannes erhal­ten wir kein kon­kre­tes Bild, es sei denn, man begnügte sich mit der Mitteilung, dass er eine Barbourjacke trägt, die für ihn aller­dings die Bedeutung eines Cliquen– oder Gruppenemblems hat. Schon ein­gangs des Romans zeich­net sich ab, dass der Autor von der merk­wür­di­gen Neigung bestimmt wird, anstö­ßige Vorgänge mög­lichst derb und anzüg­lich aus­zu­brei­ten. Auf einen Beleg für die­sen frag­wür­di­gen Hang sto­ßen wir in dem Roman, als er im Abendzug von Sylt nach Hamburg sitzt. Dabei gehen ihm „Kindheitserinnerungen“ durch den Kopf, die etwas unge­wöhn­lich anmu­ten:

    (…) und ich muß daran den­ken, wie ich mich frü­her immer aus dem Zugfenster gelehnt habe (…) und wie ich immer gedacht hab, wenn jetzt jemand auf der Toilette sitzt und pin­kelt, dann fliegt die Pisse von unter dem Zug nach oben und zer­stäubt in Fahrtrichtung ganz fein auf mein Gesicht, so daß ich es nicht merke, nur daß ich dann eben so einen Urinfilm auf dem Gesicht habe, und wenn ich mir mit der Zunge über die Lippen fah­ren würde, dann könnte ich das schme­cken, die Pisse von Fremden. Da war ich zehn, als ich das gedacht habe.“ (24)

Als Leser gewinnt man den Eindruck, dass diese gro­teske „Kindheitserinnerung“ allein um des brüs­kie­ren­den Effektes wil­len in den Erzählvorgang ein­ge­scho­ben wor­den ist. Solch bizarre Vorstellungen sti­mu­lie­ren den Erzähler offen­bar, und daher zögert er wohl, sich von die­sem ihn fes­seln­den Objekt sei­ner Einbildungskraft sogleich zu lösen. So erzählt er wenig spä­ter, wie er unter den Nachwirkungen exzes­si­ven Alkoholkonsums die Zugtoilette auf­su­chen muss, um dort – ange­regt von dem spi­ri­tus loci des anrü­chi­gen Ortes – mit sei­nen Erinnerungen und Assoziationen fort­zu­fah­ren. Dabei beschäf­tigt ihn vor allem die Frage, was mit den mensch­li­chen Ausscheidungen aus den Zugklos geschieht:

Ich denke daran, daß die Exkremente der Menschen nicht mehr wie frü­her auf den Gleisen lan­den und fein ver­sprüht wer­den, son­dern sicher in einem Behälter unter­halb der Toilette auf­ge­fan­gen wer­den, wie im Flugzeug, und daß das eigent­lich schade ist. Ich weiß aber nicht, warum ich denke, daß das schade ist, denn eigent­lich ist es so, wie es jetzt ist, ja viel bes­ser. Irgendwo habe ich mal gele­sen, daß sich irgend­wel­che Menschen bei Kassel immer beschwert haben, wenn der Zug über eine hohe Eisenbahnbrücke fuhr, also, dazu muß ich natür­lich erzäh­len, daß die Menschen, die sich beschwert haben, genau unter die­ser Eisenbahnbrücke gewohnt haben, also die­sen Menschen ist, immer wenn ein Zug über sie hin­weg­don­nerte, die Scheiße aus den Toiletten auf ihre Häuser gefal­len. Und wenn sie vor die Tür gehen oder im Garten gril­len, dann fällt die Kacke ihnen direkt auf den Kopf oder auf ihre Plastikmöbel im Garten. Ich muß grin­sen, und dann fällt mir noch ein, daß es eine andere Brücke gibt, irgendwo in Belgien oder in Luxemburg, da woh­nen auch irgend­wel­che Leute drun­ter, und die beschwe­ren sich immer, weil genau diese Brücke bei Selbstmördern so beliebt ist, jeden­falls sprin­gen die immer da run­ter und, genau wie bei der Brücke in Kassel, fal­len den Leuten auf die Häuser oder pur­zeln mit­ten ins schönste Grillfest. Die Körper sind dann immer ganz zer­quetscht, die müs­sen sie mit einer Schaufel zusam­men­krat­zen. (…), und ich denke daran, was wohl bes­ser ist, Scheiße oder Körpermatsch, und wo ich wohl lie­ber woh­nen würde, wenn ich wäh­len müßte, in Kassel oder in Luxemburg.“ (27/8)

Die Eingangsfrage nach dem Verbleib der mensch­li­chen Ausscheidungen aus den Zugtoiletten wäre eigent­lich schon durch den Hinweis schlüs­sig gelöst, dass die Fäzes „sicher in einem Behälter unter­halb der Toilette auf­ge­fan­gen wer­den.“ Doch sol­cher „Kurzschluss“ läge nicht im Interesse des Erzählers, der doch gerade seine Exkrementenphantasien unge­hemmt aus­brei­ten möchte. Und so greift er zu einer sei­ner pseu­do­dia­lek­ti­schen Formulierungen, indem er einer­seits ein­räumt, dass man mit die­ser Neuerung das Problem der Entsorgung gelöst habe, ande­rer­seits aber betont, „daß das eigent­lich schade“ sei und vor­gibt, selbst nicht zu wis­sen, wie er zu die­ser Meinung komme. Dem Leser bleibt natür­lich nicht der Sinn die­ses sophis­ti­schen Ablenkungsmanövers ver­bor­gen, weiß er doch längst um die Obsession des jun­gen Mannes, kei­nes­falls auf die dras­ti­sche Beschreibung Ekel erre­gen­der Vorgänge ver­zich­ten zu wol­len. Und er erkennt unschwer, dass hier mit den Mitteln des schwar­zen Humors ein Gruseleffekt erzeugt wird, der die Monotonie des Erzählvorgangs unter­bre­chen soll.

Die zwei­tei­lige Anlage die­ses Exkurses hat die Funktion, die koti­gen Vorgänge des ers­ten Teils im zwei­ten ins Schockierende und Makabere zu stei­gern, wobei in bei­den Abschnitten das derbe Vokabular der Vulgärsprache seine Wirkung nicht ver­fehlt. Dieser Ausflug ins Abstoßende muss auch des­halb Widerwillen aus­lö­sen, da der Erzähler seine grau­sige Fiktion mit „Grinsen“ prä­sen­tiert und augen­schein­lich ver­gnügt seine Selbstmörder „mit­ten ins schönste Grillfest“ „pur­zeln“ lässt. Er fin­det einen Reiz in der bru­ta­len Über­spit­zung, den man schwer­lich in glei­cher Weise nach­voll­zie­hen kann. Und auch das Fazit mit der gro­tes­ken Alternative („Scheiße oder Körpermatsch“) zeigt, wie hier ein Text um des Ausgefallenen und Sensationellen wil­len fabri­ziert wor­den ist, der die Toleranz des Lesers auf eine harte Probe stellt.

Wie sehr ihm seine Fäkalienvorliebe den Gegenstand und die Art sei­ner Darstellung vor­gibt, mag noch eine wei­tere Textpassage bele­gen, in der sich diese frag­wür­dige Inklination mani­fes­tiert. Es geht hier um die Begegnung mit einem Taxifahrer, die nicht nur den Drang des Erzählers zum gro­ben Ausdruck demons­triert, son­dern ebenso sei­nen Dünkel. Als der Taxifahrer vor der Haustür steht, wird das wie folgt erzählt:

Jeden­falls läuft er (der Taxifahrer) zum Klingelschild und stellt sich davor (…) und furzt dabei. Er furzt so laut, daß ich es bis oben in den drit­ten Stock hören kann. Eigentlich ist das schon kein Furzen mehr, son­dern ein dump­fes Krachen (…) und ich muß grin­sen.“ (37)

Es gehört zu sei­ner Art der Darstellung, dass er die Situation mög­lichst takt­los und pene­trant zu gestal­ten sucht (Vgl. dazu auch noch S.37 unten und S.38 oben). Aber noch in ande­rer Hinsicht ist diese Textpassage für die Haltung des Icherzählers auf­schluss­reich, denn sie bie­tet ein typi­sches Beispiel für seine Taxifahrerphobie, die recht irra­tio­nale Züge auf­weist. Erklärlich wohl teil­weise dadurch, dass er zu Leuten, die mit Einsatz und Anstrengung ihren Lebensunterhalt ver­die­nen müs­sen, sno­bis­tisch Abstand hält. Die Arbeitswelt ist ihm völ­lig fremd, ja, sie exis­tiert für ihn über­haupt nicht. Seine Arroganz gegen­über dem Taxifahrer drückt sich u.a. in der Bemerkung aus, der Fahrer sei „ein ziem­li­cher Faschist“ (38) oder auch in der Herablassung, mit der er ihn als „so ein armes dum­mes Nazischwein in einem Trainingsanzug“ (38) titu­liert.

Kennzeichnend für ihn zudem, dass er sich mit Vorliebe der degou­tan­ten Darstellung des Erbrechens, wie es nach exzes­si­vem Alkoholgenuss oder Drogenkonsum zu beob­ach­ten ist, wid­met. So erfah­ren wir, dass er bei einer Party eine junge Frau ken­nen lernt, die offen­kun­dig stark ange­trun­ken ist und der er hilft, ins Badezimmer zu kom­men:

(…) (Sie) stützt ihre eine Hand auf den Badewannenrand, und mit der ande­ren Hand ver­krallt sie sich im Ärmel mei­nes Tweedsakkos, und dann dreht sie sich weg und über­gibt sich in die Badewanne. Nicht so ein nor­ma­les Über­ge­ben, son­dern ein rich­ti­ger Schwall, wie in Der Exorzist, nur eben nicht grün, son­dern rot. Die Kotze klatscht in die Badewanne, und man kann rich­tig sehen, was sie alles getrun­ken haben muß, näm­lich Unmengen von Rotwein, und dazwi­schen sind noch ein paar Klümpchen irgend­wel­cher unver­dau­ter Speisen, sieht aus wie Karotten und ein wenig Mais. Ich wußte gar nicht, daß Menschen auf einen Haufen so viel kot­zen kön­nen, ich meine, rein men­gen­mä­ßig.“ (46) Vergleiche auch dazu die Seiten: 18/21/27/33/75/77.

Worin der Bildungswert sol­cher Passagen liegt, bleibt weit­ge­hend uner­find­lich. Vielleicht mag man die Genauigkeit in der detail­lier­ten Beschreibung des Widerlichen als Vorzug anse­hen und deren abschre­ckende Wirkung. Ein Vorbild an Abstinenz ist unser Snob aller­dings nicht. Es dürfte schwer­fal­len, eine Situation zu fin­den, in der man ihn nüch­tern nen­nen könnte.

II. GESCHICHTE IM ZERRSPIEGEL

Vielfach wird als ein Vorzug die­ses Romans die kri­ti­sche Bezugnahme auf his­to­ri­sche und poli­ti­sche Ereignisse her­vor­ge­ho­ben. Eine solch posi­tive Einschätzung erstaunt. Denn man stol­pert förm­lich über die wun­der­li­chen Ansichten des Protagonisten zum west­eu­ro­päi­schen Mittelalter und dem Osten:

Das Mittelalter ist für mich immer west­eu­ro­pä­isch. Diese gan­zen Grausamkeiten, die haben im Osten alle nicht statt­ge­fun­den. Ich meine, wenn ich mir einen blut­ro­ten Himmel aus­male, mit so gro­ßen Rädern, die sich gegen den Himmel schwarz abzeich­nen, und auf die­sen Rädern lie­gen die Gefolterten, und über ihnen sau­sen die Krähen umher, dann ist das immer irgendwo bei Lüttich oder Aachen oder bei Gent. Das Mittelalter ist nie in Warschau oder bei Wien. Diesen hel­len Himmel gibt es ja nicht im Osten, die­ses fahle Licht, das ist schon etwas Deutsches.“ (112)

Aber müsste man nicht auch an Iwan den Schrecklichen, Attila, Dschingis Khan, Stalin, Beria, die Judenprogrome, und zahl­lo­sen Gewaltexzesse in Russland den­ken? Davon nimmt jedoch unser eigen­sin­ni­ger Historiker keine Notiz. Diese Art will­kür­li­cher Geschichtsklitterung stellt den Leser vor Rätsel. Welchen Erkenntniswert sol­len sol­che pseu­do­his­to­ri­schen Konstrukte für Schüler haben?

Zu sei­ner merk­wür­di­gen Glorifizierung des Ostens wird man ebenso seine Zukunftsvision zäh­len müs­sen, die ähnlich ver­wir­rend wirkt:

Aber jetzt weiß ich ein­fach nicht, was da kommt. Ob es so wei­ter­geht mit den bun­ten Trainingsanzügen, mit lila, hell­grün und schwarz? Das tra­gen sie alle im Osten, und die Menschen dort sind gedul­di­ger, stil­ler und auch sehr viel schö­ner. Vielleicht wird der Osten den Westen über­rol­len mit sei­ner Ruhe und sei­nen Trainingsanzügen. Das wäre beru­hi­gend, muß ich den­ken, wirk­lich sehr beru­hi­gend, denn ein lila­far­be­ner Ost-Mensch ist mir immer noch eine Million mal lie­ber als so ein Understatement-West-Mensch, der irgendwo in einer Einkaufspassage Austern schlürft. Und die gro­ßen unge­wa­sche­nen Massen aus dem Osten, aus Moldawien, aus der Ukraine, aus Weißrußland , sie wer­den kom­men. Soviel ist sicher.“ (106)

Ernst neh­men kann man der­art sub­jek­ti­vis­ti­sche Werturteile und pro­phe­tisch ver­kün­dete Erwartungen nicht. Schüler/innen wer­den eine Diskussion die­ser Ansichten als Zumutung emp­fin­den.

Ähnlich ver­schro­ben muten seine Ausführungen zu den Autonomen an, denen er – wie auch den Taxifahrern – eine lei­den­schaft­li­che Abneigung ent­ge­gen­bringt. Nun wird man von unse­rem Protagonisten kei­nen objek­ti­ven, zeit­kri­ti­schen Kommentar zu den Subkulturen der Hippiebewegung erwar­ten. Finanziell sor­gen­los und satu­riert, wie er lebt, sind unse­rem Dandy sozi­al­kri­ti­sche Fragen ohne­hin gänz­lich fremd. Dennoch erstaunt es, mit wel­cher Häme er über die Autonomen her­zieht, die mit dem Verkauf von Gebrauchtwagen in Afrika schnelle Profite ein­strei­chen wol­len. Aus sei­ner Sicht wird das fol­gen­der­ma­ßen dar­ge­stellt:

Irgendein Nomadenvolk (…) lau­ert denen auf, da unten. Sie ver­sper­ren die Straße mit Benzinfässern, erschie­ßen dann die Autonomen, wenn sie so dumm sind und anhal­ten, und dann neh­men sie die Autos ein­fach mit. (…) und in dem Moment, als ich mir das vor­stelle, weiß ich nicht, was komi­scher ist, die toten Autonomen mit ihren ver­filz­ten lila Haaren und den Nasenringen, die ohne ihre blö­den Doc Martens in der Wüste lie­gen und aus­dor­ren, oder die Vorstellung, daß da unten ein gan­zer Haufen Tuareg mit strah­lend blauen Turbanen und Doc Martens an den Füßen Fiat Uno fährt. (…) und die Tuareg hei­zen mit die­sen blö­den Kleinwagen durch die sen­gende Wüste, (…) und alle haben einen irr­sin­ni­gen Spaß dabei. (…) Die (Autonomen) sind eben etwas ver­dreht im Kopf, aber jetzt sind sie sowieso tot, und sie lie­gen am Straßenrand, und die Sonne schält ihnen die Haut von ihren aus­ge­mer­gel­ten Verliererphysiognomien, und nach Aas aus dem Schnabel rie­chende Geier hacken ihnen jetzt die Augen aus, den blö­den Hausbesetzern. Schön dumm.“ (119/20)

Diese Textpassage bie­tet einen wei­te­ren Beleg für den Zynismus des Erzählers. Es scho­ckiert, wie sar­kas­tisch er sich über die Opfer mokiert und den erbar­mungs­wür­di­gen Zustand der Getöteten aus­malt. Und auch hier fragt man sich, was einen solch indis­ku­ta­blen Text qua­li­fi­ziert, ins Zentrum des Deutschunterrichts gestellt zu wer­den. Es bleibt rät­sel­haft, was den Autor ver­an­lasst hat, seine Figur in die­ser gro­tes­ken Weise zu über­zeich­nen. Selbst in his­to­ri­schen Detailfragen über­zeugt unser Snob nicht gerade durch Sachkenntnis, wenn er z.B: meint: „In Deutschland gibt es eine Art Abkürzungswahn, der von den Nazis erfun­den wor­den ist.“ (35) Diese Behauptung ist schlicht falsch. Akronyme oder auch andere Spielarten der Verkürzung wur­den weder von den Nazis erfun­den, noch sind sol­che Abbreviaturen jemals allein in Deutschland üblich gewe­sen. Sie gehö­ren zum Stil moder­ner Kommunikation. Würde sich unser Dandy dar­auf beschränkt haben, einen Hinweis auf den ver­mehr­ten Gebrauch die­ser Art sprach­li­cher Verkürzung im Nationalsozialismus zu geben, hätte man ihm mühe­los fol­gen kön­nen. Doch eine Relativierung sei­ner apo­dik­ti­schen Feststellung hätte wohl nicht zu sei­ner Rede– und Denkweise gepasst. Eher kurios – erfun­den oder nicht – ist seine Anekdote von Görings ver­lo­re­nem Dolch ein­zu­schät­zen. Der Erzähler behaup­tet, der Reichsmarschall habe sei­nen „Blut-und-Ehre-Dolch“ beim Pinkeln in den Sylter Dünen ver­lo­ren. Diese Bezeichnung soll sich wohl auf die Inschrift des Dolches bezie­hen. Aus his­to­ri­scher Sicht wird man das als sehr unwahr­schein­lich anse­hen müs­sen. „Blut und Ehre“ stand auf den Koppelschlössern der HJ. Sollte sich Göring hier einen „jugend­li­chen“ Scherz erlaubt haben?

Manchmal ist es schwie­rig zu ent­schei­den, ob der­lei his­to­ri­sche Inventionen auf das Unwissen des Autors oder auf die Absicht hin­wei­sen, seine Figur bei aller Arroganz ein­fäl­tig erschei­nen zu las­sen. Die geschicht­li­che Dimension sei­ner Umwelt ent­geht dem Dandy völ­lig, sofern er sie nicht mit sei­nen Vorurteilen über­zieht. So quar­tiert er sich acht­los in dem Feudalhotel Baur au Lac in Zürich ein, des­sen Exklusivität ihm offen­bar impo­niert, doch von der Reihe illus­trer Gäste, die hier im 19. und 20. Jahrhundert domi­zi­lier­ten, nimmt er keine Notiz. Dass vor ihm Richard Wagner im Baur au Lac gewohnt hat und dort seine Liebesaffäre mit Mathilde Wesendonck begann (vgl. die Wesendonck-Lieder) ent­zieht sich sei­ner Kenntnis und vor allem sei­nem Interesse. Auch die Tatsache, dass Thomas Mann, den er als ein­zi­gen Schriftsteller bei der all­ge­mei­nen Abwertung sei­ner Schullektüre gel­ten lässt, vor ihm schon Gast die­ses Hauses war, löst bei ihm kei­ner­lei Resonanz aus.

Doch zu welch dras­ti­schen Formen einer Verdammung aller älte­ren Deutschen der Erzähler greift, tritt mit beklem­men­der Deutlichkeit in einer Passage des fünf­ten Kapitels her­vor, dort heißt es:

Ab einem bestimm­ten Alter sehen alle Deutschen aus wie kom­plette Nazis. (…) Diese Welt-am-Sonntag-Leser in ihren Gabardinehosen mit der immer­wäh­ren­den Bügelfalte, den in mat­ten Farben gehal­te­nen Blousons, die viel zu gro­ßen Brillen mit Goldrand, die ihre rie­si­gen pocki­gen Nasen und Ohren noch extra unter­strei­chen. Ich ver­stehe das nicht. Früher sahen sie nicht aus wie Nazis. (…) Und der Taxifahrer, der mich zur Max-Bar bringt, der auch nicht. Dabei sieht man es ihm im Gesicht an, daß er ein­mal KZ-Aufseher gewe­sen ist oder so ein Frontschwein, der die Kameraden vors Kriegsgericht gebracht hat, wenn sie abends über den blö­den Hitler Witze gemacht haben, oder daß er irgend­ein Beamter war, in einer höl­zer­nen Schreibstube in Mährisch-Ostrau, der durch seine Unterschrift an einem Frühjahrsmorgen sieb­zehn Partisanen, ihre Frauen und ihre Kinder liqui­die­ren ließ. Daran muß ich den­ken.“ (93/4)

Solche Pauschalverurteilungen per­ver­tie­ren eine sach­li­che Auseinandersetzung mit der jün­ge­ren Vergangenheit. Vor allem jun­gen Leuten wird eine kri­ti­sche und an den Fakten sich ori­en­tie­rende Sicht auf die dunk­len Jahre des Dritten Reiches ver­baut. Mit gene­rel­len Verdammungsurteilen, deren Unsinnigkeit Schülern unmit­tel­bar ins Auge fal­len muss, for­dert man Widerspruch her­aus, aber keine mora­li­sche Besinnung.

Wie will man die Auswahl eines sol­chen Textes recht­fer­ti­gen, der von unzu­läs­si­gen Verallgemeinerungen und Vorurteilen geprägt ist? Selbst wenn man den Icherzähler als frag­wür­di­gen Antihelden ver­steht, bie­tet er für eine dif­fe­ren­zie­rende und sub­tile Beobachtung kein loh­nen­des Untersuchungsobjekt, zu ober­fläch­lich, ein­sei­tig, inter­es­sen­los und unre­flek­tiert ist diese Figur dar­ge­stellt. Wie sehr es die­sem Dandy an his­to­ri­schem Verständnis fehlt, erkennt man u.a. an sei­ner Bemerkung zu dem „Frontschwein“ (vgl. S.4). Er stellt den Sinn die­ses Ausdrucks völ­lig auf den Kopf. So nann­ten sich die Männer, die im ers­ten Weltkrieg an vor­ders­ter Front stan­den, die sich im dicks­ten Dreck ein­gru­ben, um wenigs­tens etwas Schutz vor dem bar­ba­ri­schen Trommelfeuer zu fin­den. In die­ser Bezeichnung schwin­gen Respekt und Anerkennung mit, ganz im Gegensatz zu dem Antonym „Etappenhengst“, das sich auf jene bezog, die auf Druckposten hin­ter der Front allen Gefahren aus dem Wege zu gehen such­ten. „Frontschweine“ waren auf­rechte Frontsoldaten, die von Kracht nun als Denunzianten dis­kre­di­tiert wer­den. Dies grobe Missverständnis tei­len wohl der Autor und seine Figur mit­ein­an­der.

III. DIE AUTONOMIE DES SNOBS

Der Snob setzt sich seine eige­nen Regeln. Sein eli­tä­res Selbstverständnis führt ihn dazu, ohne Rücksicht auf soziale Gepflogenheiten und Grundsätze sich vor allem von sei­nen Wünschen und Bedürfnissen bestim­men zu las­sen. Rücksichtnahme und Verpflichtung für das Gemeinwohl mögen der Masse der „Proleten“ Orientierung bie­ten. Für unse­ren Protagonisten haben sie keine Bedeutung. Ausgeprägt ist dabei seine Bereitschaft, ande­ren Menschen mit Hochmut und Herablassung zu begeg­nen, zumal er sich in der Rolle sieht, die Maßstäbe für deren Einschätzung fest­zu­le­gen. Wer für sei­nen Lebensunterhalt hart arbei­ten muss, sich nicht bei den jeweils modi­schen Markenprodukten aus­kennt und kein Verhältnis zu den ober­fläch­li­chen Formen bla­sier­ten Müßiggangs pflegt, der stößt bei ihm auf Verachtung. Dabei kann sein Urteil über andere bar­ba­risch hart sein, das zeigt sich am Beispiel der Varna, die es wagt, seine Vorstellungen und Meinungen nicht vor­be­halt­los zu tei­len. Die Art, wie er sie beschreibt, kon­ster­niert:

Varna war so bil­lig, so vor­her­seh­bar, so liberal-dämlich, daß es ein­fach nicht mög­lich war, sich ihre blö­den Ideen anzu­hö­ren, ohne aus­zu­ras­ten und sie zu tre­ten oder ihr zumin­dest aufs Maul hauen zu wol­len.“ (73)

Er maßt sich ein Urteil über sie an, das an Aggressivität nichts zu wün­schen übrig­lässt. Zudem pro­vo­ziert er sie durch den Vorschlag „(…) daß man (…) eine Einlaufanstalt in jedem Bundesland bauen müßte und daß da jeder, der sich auf­regt über poli­ti­sche Verhältnisse, einen poli­zei­lich ver­ord­ne­ten Einlauf bekom­men müßte.“ (73/4)

Obschon diese Anregung salopp vor­ge­tra­gen wird und nicht ganz ernst gemeint ist, drückt sich doch darin ein Denkmuster aus, das an George Orwells Roman „1984“ oder an faschis­to­ide Methoden zur ideo­lo­gi­schen Umerziehung erin­nert.

Wie rigo­ros er sich in sei­ner nar­ziss­haf­ten Selbstbezogenheit von ande­ren abzu­gren­zen sucht, wird auch gegen­über gewis­sen Mitreisenden im Flugzeug deut­lich, in denen er Betriebsräte zu erken­nen meint. Beim Ausdruck sei­ner Antipathie kennt er keine Hemmungen. So dif­fa­miert er sie mit Bezeichnungen wie „SPD-Schwein“ oder „SPD-Nazi“. Doch selbst sol­che unqua­li­fi­zier­ten Schmähungen rei­chen ihm nicht aus, sei­ner Abscheu hin­rei­chend Luft zu ver­schaf­fen. Und so ver­steigt er sich bei der Landung in Frankfurt zu dem from­men Wunsch:

(…) und ich wün­sche ihnen, mit­samt ihren Swatch-Understatement-Uhren, die sie auf dem Rückflug von Pattaya im Dutyfree in Bangkok gekauft haben, den Tod.“ (64)

Müssen Schüler/innen sich nicht ver­al­bert füh­len, wenn sie sich ernst­haft mit der abwe­gi­gen Darstellung die­ser Leitfigur des Romans befas­sen sol­len? Wie kann man in der Auseinandersetzung mit die­sem „Helden“, der ent­wick­lungs­los und ohne Interesse an den geis­ti­gen Auseinandersetzungen der Zeit seine Tage im betäu­ben­den Amusement sei­ner Clique zubringt, die Wahrnehmungsfähigkeit für sub­ti­lere Formen der Charakterisierungskunst und sprach­li­cher Gestaltung ent­wi­ckeln?

Seine Rücksichtslosigkeit zeigt sich, als er sich beden­ken­los die Barbourjacke sei­nes Freundes aneig­net. Regelrecht kri­mi­nell agiert er, als er seine von dem Joghurt durch­tränkte Barbourjacke in der Halle des Frankfurter Flughafens ansteckt:

Dann zünde ich mir noch eine Zigarette an, und werfe das bren­nende Streichholz auf das blöde Innenfutter der Jacke. (…) Irgendwie will das Ding nicht Feuer fan­gen (…), also zünde ich das ganze Päckchen Streichhölzer an und lege es ins Innenfutter. Dann stehe ich schnell auf und laufe zum Ausgang. (…) die Streichholzköpfe haben alle Feuer gefan­gen, und das Innenfutter leuch­tet so gelblich-orange, und eine kleine schwarze Rauchsäule steigt aus der Jacke hoch, (…)“ (65/6)

Und damit bricht unser Dandy die Episode von der Brandstiftung ab. Hier wird ohne Blick auf die Glaubwürdigkeit erzählt. Als ob man in einer Anlage wie dem Frankfurter Flughafen einen Brand legen und sich dann unbe­hel­ligt davon­ma­chen könnte. Abgesehen von der man­geln­den Schlüssigkeit der Darstellung demons­triert die­ser Vorfall gera­dezu para­dig­ma­tisch, wie auto­nom sich unser eli­tä­rer Außenseiter ver­hält. Indifferent gegen­über den Normen der Gesellschaft, gel­ten für ihn nur die selbst­ge­setz­ten Regeln, wie will­kür­lich die auch sein mögen.

Empathie, die Bereitschaft, sich mit­füh­lend in andere hin­ein­zu­ver­set­zen, ist bei unse­rem Snob kaum aus­ge­prägt. Als er mit Rollo den Rave in München auf­sucht, kommt es zu zwei Begegnungen mit Junkies, die das zei­gen. Rollo „bug­siert“ dem mas­siv unter Drogen ste­hen­den Kurt-Cobain-Doppelgänger noch zwei Pillen in sei­nen Pappbecher, ohne dass der das merkt. Eine sol­che Über­do­sis birgt Gefahren für das Opfer, doch unser Antiheld kom­men­tiert das beden­ken­los mit dem Satz: „Das ist natür­lich gran­dios.“ (113) Unsere bei­den Freunde betrach­ten die Szene der Drogenabhängigen wie ein Panoptikum, amü­siert, aber ohne jeden Impetus, hel­fend ein­zu­grei­fen, ja, sie hei­zen den bei­den Junkies noch zusätz­lich ein.

Nach sei­ner Ankunft in der herr­schaft­li­chen Villa am Bodensee muss unser Dandy erken­nen, dass der völ­lig von Beruhigungstabletten und Alkohol abhän­gige Rollo drin­gend Hilfe braucht. Statt nun mäßi­gend auf Rollo ein­zu­wir­ken, setzt er mit ihm gemein­sam das Trinken fort. Er ist sich durch­aus bewusst, was unter die­sen Umständen aus freund­schaft­li­cher Verbundenheit und Mitgefühl für den Verzweifelten not­wen­dig wäre. Kritisch beur­teilt er Rollos Gäste:

„Aber das sind nicht seine Freunde. Seine Freunde wür­den ihm doch sagen, (…) komm Rollo, du mußt jetzt ins Bett, und dann wür­den sie ihn ins Schlafzimmer brin­gen und bei ihm sit­zen, bis er ein­schläft. Und wenn er schlecht träu­men würde, dann wür­den sie ihn beru­hi­gen. Freunde wür­den die ganze Nacht da sit­zen­blei­ben, und danach noch zwei Wochen bei ihm blei­ben und jeden Drink, den er sich macht, und jede Valium, jede Lexotanil ihm aus den Händen neh­men, so lange, bis er wie­der klar den­ken könnte.“ (138/9)

Nichts läge für unse­ren „Helden“ näher, als diese Erwartung, die er so über­zeu­gend dar­zu­le­gen ver­steht, an sich selbst zu stel­len. Doch diese Möglichkeit tritt offen­bar gar nicht in sei­nen Gesichtskreis, denn er hat ja, wie er meint, „weiß Gott bes­se­res zu tun, als mir wegen Rollo ein schlech­tes Gewissen zu machen“ (132) Schmählich lässt er den wei­nen­den Rollo im Stich. Er ent­zieht sich der depri­mie­ren­den Situation, indem er sein Handeln mit den Worten zu recht­fer­ti­gen sucht: „Ich denke, daß ich das nicht lange ertra­gen kann, die­ses Schluchzen und das Weinen. Es ist ein­fach zu viel.“ (145) Bezeichnend für ihn, dass er dann eigen­mäch­tig den Autoschlüssel aus Rollos Jackett nimmt und ohne wei­tere Erklärung mit des­sen Porsche davon­fährt.

IV. DER MANIPULIERTE MARKENFETISCHIST

Das Verhältnis des Icherzählers zu der Welt der Markenprodukte hat Fetischcharakter. Denn für ihn gewin­nen gewisse in eli­tä­ren Kreisen ein­ge­führte Markenartikel eine Faszination und ver­wan­delnde Kraft, die ihn – wie er meint – von der Masse der Durchschnittsbürger abhebt. Am auf­fal­lends­ten in die­ser Hinsicht ist viel­leicht seine Barbourjacke, ein typisch bri­ti­sches Produkt, das zum coun­try­style des Landedelmannes gehört und ihm Prestige ver­lei­hen soll. Auffällig zudem, dass der Protagonist des Romans immer wie­der bekannte Markennamen und Titel erwähnt, die sich vor allem auf modi­sche Kleidung, Spirituosen, eine Auswahl der gän­gi­gen Szenelokale und auf ver­schie­dene Popbands bezie­hen.

Nun stört aller­dings erheb­lich, dass es der Autor dabei belässt, aus den genann­ten Bereichen des Konsums und Amusements ledig­lich Namen zu nen­nen, ohne jedoch durch die Art sei­ner Darstellung Anreize für eine kri­ti­sche Analyse zu set­zen. Der Rezensent des Romans Faserland in der Neuen Zürcher Zeitung vom 4./5. März 19953 bestä­tigt die­sen Eindruck, wenn er schreibt, dass „die­ser Produkt– und Name-Dropping– Realismus doch ein ver­gleichs­weise bie­de­res Gestaltungsmittel“ sei.

Kracht lässt die Chance unge­nutzt, durch eine hin­ter­sin­nige Charakterisierung sei­nes Protagonisten die Widersprüchlichkeit in des­sen Verhalten ein­präg­sam deut­lich zu machen. Sein Snob tritt auf mit dem Anspruch auf Exklusivität, Abgehobenheit und Distanz zu den „Proleten“. Er sieht sich als unab­hän­gi­gen Individualisten, der Abstand hält zur brei­ten Masse und sei­nen beson­de­ren Ästhe­ti­zis­mus pflegt, der ihm nicht zuletzt dazu dient, sich von den – wie er meint – niveau­lo­sen Durchschnitts– und Alltagsexistenzen zu unter­schei­den. Er genießt es, eine Sonderrolle in der Gesellschaft der Passagiere im Flugzeug oder in der Bahn zu bean­spru­chen, indem er die Mitreisenden pro­vo­ziert und die Regeln eines gesit­te­ten Umgangs igno­riert. Doch ihm fehlt es völ­lig an der Fähigkeit zu kri­ti­scher Selbstreflexion, die ihm zei­gen könnte, wie sehr er seine Persönlichkeit bereits nach den Leitvorstellungen des Marktes model­liert hat. Ihm bleibt die Einsicht ver­schlos­sen, dass sein Markenfetischismus ihn bereits in die Abhängigkeit des Marktes getrie­ben hat. Er folgt wil­lig den Vorstellungs– und Denkmustern, die ihm vom Kommerz sug­ge­riert wer­den und die ihm gesell­schaft­li­che Anerkennung ver­hei­ßen.

Bei der Frage nach der ganz eige­nen, unver­wech­sel­ba­ren Identität des Icherzählers greift man ins Leere. Ihm fehlt die Fähigkeit, aus einer Sinnmitte her­aus, sein Leben selbst­be­stimmt und pro­duk­tiv zu gestal­ten. Stattdessen meint er durch Anpassung an einen vom Kommerz insze­nier­ten Amüsierbetrieb sowie den Konsum luxu­riös erschei­nen­der Markenprodukte sich Distinktion und Geltung ver­schaf­fen zu kön­nen. Kracht bleibt bei einer ober­fläch­li­chen Porträtierung sei­nes „Helden“, ihm gelingt es nicht, ein dif­fe­ren­zier­te­res Bild sei­nes Protagonisten zu schaf­fen, in dem des­sen unein­ge­stan­de­ner Konformismus, seine illu­sio­näre Unabhängigkeit, so wie seine Beziehungslosigkeit zu allen Formen sinn­vol­ler Tätigkeit her­vor­tre­ten wür­den.

Da in der Aufgabenstellung zum Abitur 2013 beson­ders auf Florian Illies Publikation Generation Golf hin­ge­wie­sen wor­den ist, sei dazu noch ange­merkt: Ob Illies mit die­ser Veröffentlichung Anstöße zu einer inten­si­ve­ren Auseinandersetzung mit dem Phänomen einer aus­schließ­lich markt­ori­en­tier­ten Gesellschaft ver­mit­telt, bleibt frag­lich. Über weite Strecken liest sich der Text wie ein von Volkswagen und Ikea inspi­rier­tes Werbepamphlet, das über beschei­dene Ansätze zu einer kri­ti­schen Analyse der Situation nicht hin­aus­kommt. Gerade für jün­gere Leser, die das Buch nicht im nost­al­gi­schen Rückblick lesen, son­dern mit der Erwartung, am Beispiel einer Generationenbeschreibung Aufschluss zu erhal­ten über Methoden wirt­schaft­li­cher Steuerung, über Maßnahmen zur Bewusstseinsmanipulation der Konsumenten und die psy­cho­lo­gisch raf­fi­nierte Inszenierung von Kaufzwängen, wer­den ent­täuscht sein. Es kommt hinzu, dass heu­tige Abiturienten den Eindruck gewin­nen müs­sen, dass hier auf Leute Bezug genom­men wird, die mit weni­gen Ausnahmen kei­ner mehr kennt. Im vori­gen Jahrhundert war man mit Namen wie Eduard Zimmermann, Gabriele Krone-Schmalz, Björn Engholm, Michael Chang, Jimmy Page, Ernst Huberty oder Wim Thoelke, die Illies in sei­nem bio­gra­phi­schen Rückblick nennt, durch­aus ver­traut, doch der heu­ti­gen Schülergeneration besa­gen sie in aller Regel nichts. Arg ver­wun­der­lich fin­det man es sodann, wenn Illies ange­sichts der über­bor­den­den Popularität des Fußballs meint fest­stel­len zu müs­sen:

Daß inzwi­schen diese Fußballepisode kom­plett aus der Geschichte ver­schwun­den ist, (…) der Mannschaftssport, ja der Ballsport ins­ge­samt bei unse­rer Generation als Leitmedium aus­ge­dient hat.“ (75)

Dieser Art von Wirklichkeitsverweigerung wird sich kein Schüler anschlie­ßen wol­len.

V. DER REDUZIERTE CODE DES ERZÄHLERS

Vorbemerkung: Im Hinblick auf die for­male Gestaltung des Textes sei dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die­ser Roman, der den Abiturienten in 14. Auflage von 2012 vor­liegt, noch immer in der alten Rechtschreibung publi­ziert wird. Selbst wenn man nun zu beach­ten hat, dass bei die­sem Text der Status der Rechtschreibung von 1995 zugrunde zu legen ist, stößt man doch auf etli­che Stellen, die man schon 1995 hätte kor­ri­gie­ren sol­len.

Weitaus fol­gen­rei­cher erweist sich aller­dings Krachts Versuch, den Anschein zu erwe­cken, dass es sich hier nicht so sehr um eine schrift­lich fixierte Rede han­delt, son­dern um eine münd­li­che Form des Ausdrucks ( viva vox). Dabei bemüht er sich, durch Anleihen bei der Umgangssprache, saloppe Nichtbeachtung gram­ma­ti­scher Regeln oder auch durch ste­reo­type Formen in Satzbau und Wortwahl den Eindruck zu ver­mit­teln, dass hier im authen­ti­schen Ton eines Twen diese Reisebeschreibung erzählt wird. Im Ergebnis führt das dazu, dass man sich als Deutschlehrer mit Formulierungen kon­fron­tiert sieht, die man in Schülerarbeiten als feh­ler­haft oder kor­rek­tur­be­dürf­tig beur­tei­len müsste. Einige Beispiele mögen das Problem kon­kre­ti­sie­ren: (17) „ …wegen dem Wind… “ / statt: …wegen des Windes… / (79) „ …wegen dem Föhn… “ / statt: wegen des Föhns… / (95) „ …und fragt mich, ob ich mich nicht an sei­nen Tisch set­zen will… “ / statt: …ob ich mich nicht an sei­nen Tisch set­zen wolle… / (24) „ … aus tür­ki­sen Plastik… “ / statt: tür­kis­far­be­nem Plastik… / (65) „ …wo immer die gan­zen Menschen schla­fen…“ / statt: …wo immer alle Menschen schla­fen …/ (113) „ …weil viel­leicht wacht der gar nicht mehr auf…“ / statt: …weil der viel­leicht gar nicht mehr auf­wacht… / etc. Diese Anlehnungen an den ver­meint­li­chen Jargon von Jugendlichen und Twens wir­ken auf­ge­setzt und arti­fi­zi­ell, zu oft meint man den Konstrukteur die­ses redu­zier­ten Codes zu spü­ren, allzu vie­les erschöpft sich in läs­ti­ger Wiederholung, und über weite Strecken tötet die Einförmigkeit der Darstellung das Interesse. So emp­fin­det man die stän­dige Iteration von Einschüben wie „ich meine“, „ich denke“, „glaube ich“, „also meine ich“ etc. , die über 150 Mal den Text durch­zie­hen, als stö­rend. Ähnlich ver­hält es sich mit ellip­ti­schen Wendungen wie „und so“, „und so wei­ter“, „oder sowas“ etc. Solche Art der Ersparung und Verkürzung mag umgangs­sprach­lich üblich sein, doch so, wie sie hier ein­ge­setzt wird, ist sie unpas­send. Bezeichnend auch, wie oft der Icherzähler auf ein vages Allerweltswort wie „blöd“ zurück­greift, das zu den Ausdrucksformen der Ungenauigkeit gehört, die für die­sen Text so cha­rak­te­ris­tisch sind. Das wird viel­leicht noch deut­li­cher ange­sichts der Häufigkeit, mit der „irgend“ in Verbindung mit Pronomina oder Adverbien zu ver­zeich­nen ist. Diese Zusammensetzungen, die bei über­schlä­gi­ger Zählung an mehr als 120 Stellen des Romans auf­tau­chen, gehö­ren zur Sprechweise unse­res Protagonisten, der grund­sätz­lich ver­mei­det, sich ein­ge­hen­der mit einer Sache aus­ein­an­der­zu­set­zen. Diese Art per­ma­nen­ter Repetition führt zu Monotonie. Noch auf­fäl­li­ger ist die Fixierung des Erzählers auf ein Modaladverb oder Anschlusswort wie “so“, das in auf­dring­li­cher Wiederholung nahezu 400 Mal im Text zu ver­zeich­nen ist. Der Gipfel die­ser sti­lis­ti­schen Marotte wird bei der Iteration der kopu­la­ti­ven Konjunktion „und“ erreicht, deren über­mä­ßi­ger Gebrauch zwang­haft anmu­tet, da sie 1800 Mal zu regis­trie­ren ist. Hieraus dürfte zu erse­hen sein, dass Krachts Diktion nicht gerade durch Variationsbreite im Wortschatz oder Flexibilität im Entwurf syn­tak­ti­scher Strukturen besticht.

So auf­fal­lend seine Wiederholungsmanie den Stil des Textes bestimmt, so unüber­seh­bar sind gleich­falls die kras­sen, ja por­no­gra­phi­schen Beschreibungen im Roman, in denen unser Protagonist ero­ti­sche Begegnungen dar­stellt. Dies zeigt sich z.B., als er von einem Flirt mit einer jun­gen Frau in einem Frankfurter Lokal berich­tet und seine Reaktion auf die­ses Erlebnis fol­gen­der­ma­ßen zur Sprache bringt:

Mir läuft ein klei­ner ange­neh­mer Schauer den Rücken her­un­ter, der glei­che Schauer übri­gens, den ich auf öffent­li­chen Pissoirs bekomme, wenn ich auf die Duftwürfel pisse und dann den süß­li­chen Geruch der Duftwürfel, gemischt mit dem etwas schär­fe­ren Geruch des Urins, ein­atme. Der glei­che Schauer ist das. Er beginnt irgendwo in der Wirbelsäule hin­ten und saust dann hoch und endet bei den Ohren, und dann muß ich mich immer so woh­lig schüt­teln.“ (80)

Wir sto­ßen hier auf eine rhe­to­ri­sche Novität, denn dass ein Protagonist die Wirkung sei­ner zärt­li­chen Empfindungen für eine Frau mit den olfak­to­ri­schen Wahrnehmungen in einem Pissoir gleich­setzt, das dürfte in der Literatur einen gewis­sen Seltenheitswert bean­spru­chen kön­nen. Den phy­sio­lo­gi­schen Effekt die­ser Erfahrung brei­tet er genüss­lich aus, um seine Leser/Zuhörer ein­dring­lich an der aist­ha­e­sis die­ses Vorgangs teil­ha­ben zu las­sen, den er fast schon orgi­as­tisch schil­dert.

Als typisch für Krachts Erzählweise ist auch jene Episode anzu­se­hen, in der sich sein Antiheld an einen Ausflug auf die grie­chi­sche Insel Mykonos erin­nert. Er beschreibt da mit gro­ßer Detailfreude, wie er an einen „Altmänner-Homosexuellen-Strand“ gerät. Diskretion belas­tet ihn bei die­ser Schilderung nicht:

    (…) da sitzt, ich lüge nicht, so ein dicker Mann in einem schwar­zen durch­sich­ti­gen Body, der auf sei­nen Arschbacken zwei Barockengel täto­wiert hat, die in Richtung sei­nes Arschlochs kleine Pfeile abschie­ßen. (…) Sie (die Schwulen) haben die unmög­lichs­ten Badehosen an; so Bänder, die hin­ten durch die Furche gezo­gen wer­den und vorne ein klei­nes Beutelchen haben (…) und als Sadman von Enigma aus den Lautsprechern kommt, fan­gen alle an, ganz ver­son­nen auf dem Kies vor der Bar zu tan­zen. Einige von ihnen haben noch nicht ein­mal mehr diese Beutelchen an. Sie sind völ­lig nackt, und wäh­rend sie tan­zen, schwin­gen ihre Hoden umher.“ (135)

Der Erzähler gibt zwar vor, Widerwillen ange­sichts die­ser Szene zu emp­fin­den, doch er zögert nicht, sehr aus­führ­lich dar­auf ein­zu­ge­hen, so dass man ver­mu­ten darf, dass bei ihm hier­bei ins­ge­heim eine voy­eu­ris­ti­sche Freude mit­schwingt. Doch dann hat er „an die­sem gräss­li­chen Ort“ wo er „umringt von unge­fähr einer Milliarde nack­ter brau­ner Männer“, die „einem auf den Arsch (star­ren)“, beim Anblick eines am Horizont dahin­zie­hen­den Dampfers ein höchst bemer­kens­wer­tes Erweckungserlebnis und meint, „aber es ist ein biß­chen so, als finde man sei­nen Platz in der Welt. Es ist kein Sog mehr, kein Ohnmächtigwerden ange­sichts des Lebens, das neben einem so abläuft, son­dern ein Stillsein. Ja, genau das ist es : Ein Stillsein. Die Stille.“ (137/8) Etwas wider­sprüch­lich und schwer nach­voll­zieh­bar mutet das schon an. Zuerst bringt er seine höchst empha­tisch arti­ku­lierte Abscheu vor der gro­tes­ken Situation zum Ausdruck:

Oh Gott, denke ich. Oh Gott, oh Gott. Das kann doch alles gar nicht wahr sein. Daß diese Menschen sich so pro­sti­tu­ie­ren müs­sen …“ (136)

Dann aber erzählt er uns, wie er inmit­ten die­ser ver­wir­ren­den Eindrücke, im Zentrum die­ser bizar­ren Gesellschaft von tan­zen­den Althomosexuellen, „wo ich mich nir­gendwo hin­set­zen kann, ohne von Nackten ange­zwin­kert zu wer­den“ (136), kon­tem­pla­tive Gelassenheit und innere Ruhe fin­det. Hier wird etwas zusam­men­ge­bracht, was in kei­ner Weise zuein­an­der passt. Man kann nicht mit grel­len Effekten das Strandleben der Homosexuellen beschrei­ben und gleich­zei­tig dabei das Lied der stil­len Besinnlichkeit sin­gen.

FAZIT: Das Niveau des Textes ent­spricht in kei­ner Weise den Anforderungen, die an ein lite­ra­ri­sches Werk zu stel­len sind, das im Unterricht der Oberstufe eine zen­trale Rolle spie­len soll. Wer als Deutschlehrer von der Notwendigkeit sprachlich-literarischer Bildung über­zeugt ist, muss sich durch diese Textauswahl der Kultusbehörde düpiert füh­len.

1Kracht, Christian: Faserland. München: dtv14.. 2012. Die Orthographie der Zitate ist unver­än­dert geblie­ben.

3Schmitt, Michael: Produkt Realismus. Christian Krachts Debüt „Faserland“. In: Neue Züricher Zeitung vom 4./5. März 1995. S.33

Anmerkung: Einige kri­ti­sche Kommentare zu die­sem Aufsatz, die erstaun­li­cher­weise bereits vor des­sen Veröffentlichung erschie­nen sind, ver­blüf­fen den unbe­fan­ge­nen Leser. Wie ver­mochte man zu einem Zeitpunkt, als noch nie­mand diese Ausführungen im Original gele­sen haben konnte, bereits Kritik daran üben? Wollte man hier nur vor­ge­fasste Meinungen zum Ausdruck brin­gen, bei denen sich die Lektüre des Textes erüb­rigt? Von kei­ner Sachkenntnis getrübt, lässt es sich natür­lich im Vakuum des Ungelesenen tre­flich pole­mi­sie­ren.