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Kritische Anmerkungen zur Bestimmung des Schwierigkeitsgrades literarischer Texte - Stellungnahme zu einem Aufsatz von Juliane Köster

von Klaus Zobel

In dem Aufsatz “Wodurch wird ein Text schwie­rig? – ein Test für die Fachkonferenz” von Juliane Köster (in: Deutschunterricht. Heft: 05/2005. Braunschweig: Westermann Schroedel 2005. S.34–39), der im Internet nach­zu­le­sen ist, wird auf drei Beispiele aus der von mir her­aus­ge­ge­be­nen Prosaanthologie MODERNE KURZPROSA Bezug genom­men. Es han­delt sich hier­bei um die fol­gen­den Texte: “Die Blinden” (Binnengeschichte aus dem Roman “Griechische Passion”) von Nikos Kazantzakis, um die sati­ri­sche Kurzgeschichte “Die grüne Krawatte” von Arthur Schnitzler, und um den Kurztext “Kain und Abel” von Alfred Polgar. Daher möchte ich zu eini­gen Fragen, die die­ser Beitrag auf­wirft, Stellung neh­men. Mit Recht weist die Verfasserin ein­gangs ihrer Ausführungen dar­auf hin, dass selbst Lehrplanexperten Schwierig­keiten hät­ten, zwi­schen leich­ten und schwe­ren Aufgaben zu unter­scheiden. Dennoch bemüht sie sich, in meh­re­ren Rastern bestimmte Merkmale von Texten auf­zu­stel­len, die Anhalts­punkte für die ange­mes­sene Einschätzung ihres Schwierigkeits­grades bie­ten sol­len.
In der prak­ti­schen Anwendung ihres Kriterienkatalogs kommt sie im Fall der Parabel “Die Blinden” zu einem über­ra­schen­den Urteil: Sie gelangt zu der Auffassung, dass die­ser Text problem­los zugäng­lich sei und den Schülerinnen und Schülern “die Appli­kation auf die eigene Lebenswelt […] leicht fal­len (dürfte)” (Köster 2005: S.35). Über­prü­fen wir diese Einschätzung, so sind wir gezwun­gen, zu­nächst ein­mal fest­zu­hal­ten, worum es in die­sem Text geht. In den TEXTANALYSEN (Vgl.: Klaus Zobel: Textanalysen. Northeim: Drei-A-Verlag 2oo8. ISBN 978–3-925927-o8-9. S.151ff.) wird ein­gangs dazu fest­ge­stellt:
“Die fünf Vertreter des Dorfes sind alle mit dem Elefanten in Berührung gekom­men, sie haben mit dem Willen zur Wahrheit Aufschluß über ihre Erfahrung gege­ben, und den­noch sind sie zu völ­lig aus­ein­an­der­stre­ben­den Auffas­sungen gelangt. Weder die Dorfbewohner noch die Auserwählten selbst wer­den anhand die­ser inkon­gru­en­ten Informationen eine schlüs­sige Vorstellung gewin­nen kön­nen. Der Grund für die Widersprüchlichkeit und Unvereinbar­keit ihrer Angaben liegt darin, daß jeder ein­zelne der fünf sich bei sei­ner Aussage nicht auf das ihm Zugängliche beschränkt, son­dern sei­nen Erfahrungsbe­reich über­schrei­tet, indem er den Teil für das Ganze setzt. Im Unterschied zum rhe­to­ri­schen pars pro toto han­delt es sich hier aller­dings um eine Urteilsform, eine Denkgewohnheit, die dadurch gekenn­zeich­net ist, daß ein bekann­ter Teil für das unbe­kannte Ganze gesetzt wird. Während in der Rhetorik die Syn­ekdoche vom Engeren (locus a minore ad maius oder auch pars pro toto) einen beson­ders cha­rak­te­ris­ti­schen Wesenszug des Gesamtphänomens absichts­voll akzen­tu­iert, wird hier ein par­ti­el­ler Aspekt ohne Kenntnis des Ganzen abso­lut gesetzt.” (Zobel 2008: S.151ff.)

Durchaus mög­lich, dass Schüler/innen bis hier­hin den Text sinn­ge­mäß erfas­sen kön­nen. Weitaus schwie­ri­ger dürfte es aller­dings wer­den, die para­bo­li­sche Bedeutung des darge­stellten Vorgangs zu erken­nen. Wer sind diese Blinden, die im Vertrauen auf ihre begrenzte Erfahrung mei­nen, zuver­läs­sige Kenntnis vom Ganzen zu haben? Dieses Denkverhalten ent­steht kei­nes­wegs von unge­fähr, sind wir doch häu­fig gezwun­gen, ” … aus frag­men­ta­ri­schen Eindrücken pro­duk­tiv oder spe­ku­la­tiv uns ein Bild vom überg­rei­fen­den Kontext zu for­men. Auf die engen Grenzen unse­rer unmit­tel­ba­ren geistig-sinnlichen Erfahrung ist es zurück­zu­füh­ren, dass wir immer wie­der in die Lage gera­ten, von bruch­stück­haf­ten Einzelinformationen auf das Wesen des Gesamtzusammenhanges schlie­ßen zu müs­sen. Inso­fern ver­hal­ten sich die Blinden also durch­aus typisch, sie ver­all­ge­mei­nern” wie die Sehenden “ohne kritisch-skeptische Vorbehalte ihre Teil­erfahrung und glau­ben — jeder auf seine Weise — damit eine schlüs­sige (und über­zeu­gende) Antwort gege­ben zu haben.

In Analogie zur Parabel wird man aber auch in jenen ideo­lo­gi­schen und phi­lo­so­phi­schen Systemen ein ver­gleich­ba­res Verfahren wie­der­ent­de­cken, in denen von einem bestimm­ten Denkansatz aus, der zumeist zwar aus der kon­kreten Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit gewon­nen ist, Aussagen de­duziert wer­den, die jenen ursprüng­li­chen Erfahrungsausschnitt tran­szen­die­ren. Einsichten, die für bestimmte Aspekte der Realität durch­aus Gültigkeit besit­zen, wer­den als zuver­läs­sige Kenntnis des Ganzen aus­ge­ge­ben. Da nun aber die Vielfalt, Vielschichtigkeit und Veränderlichkeit der Wirklichkeit, die ver­wirrende Fülle der Lebensbezüge, die Unwägbarkeiten, Antinomien und un­auflösbaren Widersinnigkeiten unse­res Daseins nicht aus einer Perspektive oder einem Prinzip zu erklä­ren sind, kann der Anspruch sol­cher Systeme auf uni­ver­selle Geltung nur dog­ma­tisch gegen die Wirklichkeit behaup­tet wer­den. Das Nichterkennenwollen der Vielfalt unse­rer Welt macht die Blindheit eines in die­ser Weise deter­mi­nier­ten Denkens aus.

Unserer Parabel ist aller­dings nicht zu ent­neh­men, ob die aus­er­wähl­ten Blinden starr auf ihrer Ansicht beharr­ten und ob jeder ein­zelne dog­ma­tisch ver­suchte, seine Meinung den ande­ren auf­zu­drän­gen. Immerhin wird bei dem drit­ten erkenn­bar, dass er mit einer gewis­sen zurück­hal­ten­den Vorsicht seine Aussage trifft, denn er greift zu der Form des Vergleichs (‘wie eine Festungs­mauer…’), damit andeu­tend, daß er sich bewußt ist, nur figu­ra­tiv und annä­hernd das unbe­kannte Phänomen zu beschrei­ben. Sehr viel ent­schie­de­ner äußert sich dage­gen der vierte (‘… kei­nes­wegs eine Mauer …’), wäh­rend der fünfte schon recht unduld­sam die Aussagen der ande­ren als ‘Unsinn’ abquali­fiziert.

Entsprechungen zu dem Verhalten der Blinden fin­den sich jedoch nicht nur dort, wo aus ideo­lo­gi­scher Einseitigkeit irre­füh­rende Feststellungen über den Ge­samtzusammenhang der Wirklichkeit getrof­fen wer­den. Wir alle sind durch unsere unlös­li­chen his­to­ri­schen, sprach­li­chen und gesell­schaft­li­chen Bindun­gen auf bestimmte Teilansichten der Welt fixiert, die wir so selbst­ver­ständ­lich als schlecht­hin gül­ti­ges Gesamtbild der Wirklichkeit neh­men, daß uns unsere Blindheit, die Begrenztheit unse­rer stand­ort­ge­bun­de­nen Einsicht, gar nicht zu Bewußtsein kommt. Doch auch aus der spe­zi­fi­schen cha­rak­ter­li­chen Prägung des ein­zel­nen kann sich eine weit­rei­chende Einschränkung oder Perspektivierung unse­res Apperzeptionsvermögens erge­ben, die man sehr wohl als eine Form der Blindheit für die Komplexität der Realität anse­hen kann. Die jeder Person eigene Sinn– und Wertrichtung, ihre indi­vi­du­elle geis­tige Struktur führt dazu, daß sie auch eine höchst indi­vi­du­ell geprägte Vorstellung von der Wirk­lichkeit gewinnt.” Eduard Spranger hat das in sei­ner geistes­wissenschaftlichen Psychologie LEBENSFORMEN über­zeu­gend dar­ge­stellt. Sprangers Über­le­gun­gen gip­feln in dem Satz: “… es gibt so wenig ein ein­deu­ti­ges Bewußtsein […], daß man sagen könnte, zu jedem Menschen ge­höre ein durch­aus indi­vi­du­el­les Weltbild. Mögen auch all­ge­meine Umrisse ge­meinsam sein, das Relief ist für jeden ein ande­res.” (E. Spranger: Lebensformen. Geistes­wissenschaftliche Psychologie und Ethik der Persönlich­keit. Halle: Niemeyer 1922. S.33–34.)

In den Textanalysen wird dazu fest­ge­stellt: “Die Wirklichkeitserfahrung ist somit abhän­gig nicht nur von der historisch-gesellschaftlichen Be­wusstseinslage, son­dern auch in ganz ent­schei­den­dem Maße von der Persön­lichkeitsstruktur des Einzelnen. Entsprechend sei­nem unver­wech­sel­ba­ren Cha­rakter wer­den sich ihm selek­tiv gewisse Aspekte der Realität nach­hal­tig ein­prä­gen, wäh­rend andere für ihn belang­los blei­ben oder von ihm über­haupt nicht zur Kenntnis genom­men wer­den.
Zur Veranschaulichung die­ser cha­rak­ter­be­ding­ten Form der Blindheit sei in freier Anlehnung an Eduard Sprangers Typologie ein Beispiel ent­wi­ckelt. Man stelle sich in Parallele zu unse­rer Parabel vor, fünf — aller­dings nun­mehr höchst unter­schied­lich geprägte — Personen wür­den zu einem Bergsee geführt und soll­ten unab­hän­gig von­ein­an­der über ihre Eindrücke berich­ten:

a) Ein im beson­de­ren Maße für die Schönheit der Natur empfäng­licher Betrachter würde dann bei­spiels­weise von der eigen­ar­ti­gen Stim­mung des Sees, vom fas­zi­nie­ren­den Farbenspiel des Wassers und der bizar­ren Formenwelt der umlie­gen­den Felswände erzäh­len.

b) Ein aus­schließ­lich wirt­schaft­lich ori­en­tier­ter Unternehmer kä­me womög­lich mit dem Bericht wie­der, daß sich ihm hier eine außer­ordentliche Energiequelle auf­ge­tan habe, die bei ökono­mi­scher Nut­zung unge­ahn­tes Wirtschaftswachstum in der Region ver­spre­che. Er würde so über den See reden, als ob es sich um ein Kapital han­dele, das pro­fi­ta­bel zu akti­vie­ren sei.

c) Während ein reli­giö­ser Mensch im Unterschied dazu davon spre­chen könnte, daß ihm die gigan­ti­sche Bergszenerie ein unwiderleg­barer Beweis für das groß­ar­tige Schöpfungswerk Gottes sei und daß er den See als Hinweis und Zeichen für eine alles umfas­sende gött­li­che Kraft betrachte.

d) Sehr viel anders wie­derum sähen dage­gen die Auskünfte eines vita­len, dyna­mi­schen Draufgängers aus. Für ihn wäre der See voraus­sichtlich nur eine Herausforderung sei­ner phy­si­schen Leistungsfähig­keit, eine Möglichkeit, seine Vitalität und Kraft beim Durchschwim­men des kal­ten Bergwassers unter Beweis zu stel­len. Er würde in der Terminologie des sport­li­chen Kampfes von sei­nen Erfahrungen mit dem See berich­ten.

e) Und schließ­lich ließe sich auch an einen enga­gier­ten Politiker den­ken. Für ihn würde der See sehr schnell zum Gegenstand tak­ti­scher Erwägungen, zu einem Mittel, seine Macht und sei­nen Einfluß zu er­weitern. Vielleicht sähe er in der Nutzung des Bergwassers die Chance für ein kom­mu­nal­po­li­ti­sches Projekt, mit dem sich die nächs­ten Wah­len vor­teil­haft gestal­ten lie­ßen.

Kein Zweifel, die Inkongruenz der fünf Berichte und Schilderungen stände der Unvereinbarkeit, die sich in den Aussagen der fünf Blinden so dras­tisch zeigt, in nichts nach. Unser beson­de­res Interesse am Gegenstand, das unmit­telbar abhängt von unse­rer Persönlichkeitsstruktur, wen­det sich nur bestimm­ten Seiten oder Schichten des Gegenstandes zu. Unsere Aufmerksamkeit ist immer ein­ge­grenzt und gerich­tet auf Teilaspekte, die uns in spe­zi­el­ler Weise anspre­chen und enga­gie­ren. Wir gelan­gen daher ana­log den Blinden in der Parabel zu höchst unter­schied­lich akzen­tu­ier­ten Bildern der Wirklichkeit. Einschränkend wird man jedoch hin­zu­fü­gen müs­sen, dass jeder — zumin­dest bis zu einem gewis­sen Grad — zu einer mul­ti­per­spek­ti­vi­schen Wirklichkeitswahrnehmung fähig ist und auch zumeist in Anpassung an sein sozia­les Umfeld sich auf ihm wesens­fremde Erfahrungsformen ein­zu­stel­len weiß. Davon unbe­rührt bleibt aber, dass in jedem Menschen eine bestimmte Sinn– und Wertrichtung vor­herrscht, die gemäß sei­ner indi­vi­du­el­len Prägung ganz bestimmte Aneignungsweisen domi­nie­ren oder zurück­tre­ten läßt.

Der beson­dere Reiz in der Ausdeutung einer sol­chen Parabel liegt in der Möglichkeit, auf man­nig­fa­che Weise die dem Gleichnis zugrunde lie­gende Wahrheit in ana­lo­gen mensch­li­chen Lebensbezügen auf­zu­de­cken oder wie­der­zu­fin­den. Die Offenheit einer sol­chen Parabel erfährt aber sogleich eine erheb­li­che Einschränkung, wenn sie in den überg­rei­fen­den Zusammenhang eines län­ge­ren Werkes ein­ge­fügt wird. Der lite­ra­ri­sche Kontext schließt dann Deutungsmöglichkeiten aus, die der auto­nome Text sehr wohl erlaubt und evo­ziert. Berücksichtigt man jedoch nun, dass es sich bei Kazantzakis‘ Parabel ‘Die Blinden’ um eine Binnengeschichte aus sei­nem Roman ‘Griechische Passion’, han­delt (vgl.: Nikos Kazantzakis: Griechische Passion. Roman. München: Heyne 1977. S. 175–176.), dann stellt sich natür­lich sogleich die Frage, inwie­weit der Autor selbst durch die Einfügung des Textes in den erzäh­le­ri­schen Vorgang des Romans den Sinn der Parabel fest­ge­legt hat.” (Zobel 2008: S.152–154) Dem soll aber hier nicht wei­ter nach­ge­gan­gen wer­den. Der inter­es­sierte Leser mag Informationen zu dem Zu­sammenhang zwi­schen Binnengeschichte und Roman dem Band TEXTANALYSEN ent­neh­men. Aus den hier vor­ge­tra­ge­nen Über­le­gun­gen dürfte zu erse­hen sein, dass die Deutung die­ser schein­bar so schlicht erzähl­ten Parabel eine erheb­li­che Heraus­forderung für die Unterrichtenden ebenso wie für die Schüler/innen dar­stellt.

Den Ausführungen der Autorin zum Schwierigkeitsgrad des Polgar-Textes wird man in man­cher Hinsicht zustim­men kön­nen. Undeutlich bleibt aller­dings, was mit dem Hinweis unter der Rubrik “Ästhe­ti­sche Evidenz” gemeint ist, wenn sie schreibt: “Der Rückgriff auf das ‚Zeichen‘ bei des­sen gleich­zei­ti­ger Verkehrung bleibt abs­trakt.” (Köster 2005: S.36) Nun wird man sicher vor­weg klä­ren müs­sen, was an der besag­ten Bibelstelle mit dem “Zeichen” gemeint ist. Aber die Verkehrung von Opfer und Täter gewinnt doch gerade durch das “Abelzeichen” ver­blüf­fende Anschaulich­keit. Schade zudem, dass die Prägnanz und der Lakonismus in der Sprachgebung keine Erwähnung fin­den, da sie doch einen besonde­ren Anreiz für die leben­dige Auseinandersetzung mit dem Text bie­ten. Und ganz sicher hätte man in die Über­le­gun­gen einbe­ziehen müs­sen, dass der K II der alles beherr­schende Modus des Textes ist, der Modus also, der uns zum Ausdruck der Nichtwirklichkeit dient und vor allem — wie hier bei Polgar auch — in kon­di­tio­na­len, kon­traf­ak­ti­schen Satzgefügen steht. Mit Blick auf die bekannte Bibelstelle vom Brudermord ist die Vertauschung von Opfer und Täter zwar irreal, aber hin­sicht­lich der Situa­tion Polgars gewinnt sie bit­tere Realität. Durch die poin­tierte Umkehrung in der Rollenverteilung sowie das iro­ni­sche Wider­spiel, mit dem Polgar im Modus der Unwirklichkeit das grau­same Geschehen in der Wirklichkeit ins Bewusstsein rückt, pro­vo­ziert er die Aufmerksamkeit und Nachdenklichkeit des über­rasch­ten Lesers. Dies zu erken­nen, darin liegt zwei­fel­los eine beson­dere Schwierigkeit des Textes.

Und sicher bedarf es einer gründ­li­chen didak­ti­schen Re­flexion in der Unterrichtsvorbereitung, will man die not­wen­di­gen Voraussetzungen schaf­fen, die es den Schülerinnen und Schülern erleich­tern, sich emo­tio­nal in die Lage der emi­grier­ten deut­schen Juden zu ver­set­zen. Denn sie wer­den gemein­hin für die Glück­lichen gehal­ten, die unbe­scha­det dem Holocaust ent­kom­men sind. Dabei wird allzu geflis­sent­lich über­se­hen, dass die Emigranten, die sich teil­weise nur auf aben­teu­er­li­chen und gefähr­li­chen Umwegen ihren Verfolgern ent­zie­hen konn­ten, im Ausland keines­wegs mit offe­nen Armen emp­fan­gen wor­den sind. Sie gal­ten viel­fach als uner­wünscht, hat­ten mit sprach­li­chen Problemen zu kämp­fen und fan­den sich nur schwer in der frem­den Welt zurecht. Vor allem aber waren Schriftsteller wie Polgar in der wider­sprüchlichen Situation, dass sie zur deut­schen Sprache, mit der sie innig ver­wach­sen waren und die unlös­bar zu ihrer Identität gehörte, nur noch ein gebro­che­nes Verhältnis haben konn­ten, war es doch die Sprache jener, die es auf ihre Vernichtung ab­gesehen hat­ten. Dieser Zwiespalt hat das Leben aller Emigranten beschat­tet. Wie tief­grei­fend sol­che Erfahrungen das Leben eines Menschen beein­flus­sen kön­nen, wird für Schüler/innen nicht unmit­tel­bar evi­dent sein.

Die Ausführungen zu Arthur Schnitzlers Text DIE GRÜNE KRAWATTE wer­den dem Gegenstand nicht gerecht. Als beson­dere Schwierigkeit hätte hier allein schon der rät­sel­hafte Name des “Helden” Erwähnung fin­den müs­sen. Es ist also kei­neswegs so, dass ent­spre­chend dem Raster der Verfasserin “inter­tex­t­u­el­les Wissen nicht not­wen­dig erfor­der­lich sei.” (Köster 2005: S.36) Zur Begründung zitiere ich die ent­spre­chen­den Erläuterungen aus den TEXTANALYSEN: “Dieser Text Schnitzlers zeigt bei­spiel­haft den Aufbau eines Vorurteils, durch das ein harm­lo­ser Einzelgänger in immer schär­fe­rer und fana­ti­sche­rer Form dif­fa­miert wird. Schon mit dem Namen Cleophas setzt der Autor ein deut­li­ches Zeichen. Er spielt damit an auf gr. Kleos (=> Ruf, Sage, Gerücht, Ge­rede, im Gegensatz zum siche­ren Wissen aus Erfahrung und Selbstanschau­ung) sowie auf phas, das als Verbform zu phasko in Beziehung zu set­zen ist. Das Präsens phasko sowie das Futur pheso wer­den in der Bedeutung von be­haupten gebraucht. Cleophas ist dem­nach der­je­nige, über den Gerüchte ver­breitet wer­den, von dem man etwas behaup­tet, was man nicht sicher weiß. Kein Zweifel, daß die­ser Name für den ‚Herrn mit der grü­nen Krawatte‘ tref­fend gewählt ist.“ (Zobel 2008: S.134)

Leider bie­ten auch die von der Autorin ange­führ­ten Schüler­meinungen kei­ner­lei Hilfe bei einer sach­lich begrün­de­ten Ein­schätzung des Schwierigkeitsgrades (siehe: Köster 2005: S.35–37). Hier wer­den will­kür­li­che Behauptungen auf­ge­stellt, die nur zei­gen, dass die Schüler/innen kei­nen adäqua­ten Zugang zu dem Text gefun­den haben. Wenn z.B. die kri­ti­schen Einwände erho­ben wer­den, die Zusammenhänge seien nicht deut­lich dar­ge­stellt, der Pfad der Handlung sei schwer zu fin­den, es bestehe ein Bruch zwi­schen den Teilen und die Dar­stellung sei zäh und lang­at­mig, dann erhellt dar­aus, dass das Prinzip der Steigerung nicht erkannt wor­den ist, das beim Aufbau des Vorurteils wirk­sam ist. Schnitzler hat die­sen para­bo­li­schen Text als Stationengeschichte kon­zi­piert, “…um die fort­schreitende Diskriminierung und hek­ti­sche Verschärfung des Vorurteils in sta­tu nas­cendi vor­zu­füh­ren. Obschon er die ein­zel­nen Phasen die­ses Vorgangs höchst ökono­misch und unter Aussparung aller ent­behr­li­chen Details dar­stellt, wer­den Grundzüge die­ses sozi­al­psy­cho­lo­gisch zu deu­ten­den Prozesses in sei­ner Beschreibung evi­dent. Schnitzler kenn­zeich­net jene ent­schei­den­den Schritte, die bei der Menge zu einer immer stär­ke­ren Einschränkung der Wahrnehmungsfähigkeit füh­ren und zugleich eine hys­te­risch sich stei­gernde Aggression aus­lö­sen.” (Zobel 2008: S.134)

Wenig ein­leuch­tend auch, wenn in dem Aufsatz von Juliane Köster unter der Rubrik “Voraussetzungen von Texten/Weltwissen” (vgl. Köster 2005: S.36) kein Hinweis dar­auf zu fin­den ist, dass das Wissen um die antisemi­tischen Strömungen und Verhaltensweisen in der Gesellschaft des begin­nen­den 2o. Jahrhunderts eine not­wen­dige Voraussetzung bil­det, um dem Text gerecht wer­den zu kön­nen Schnitzler hat diese Geschichte nicht 1933 geschrie­ben, son­dern in den ers­ten Jahren des 2o. Jahrhunderts, und ein Jahrzehnt spä­ter (1912) stellt er in einer auto­bio­gra­phi­schen Notiz fest:

„In die­sen Blättern wird viel von Judentum und Antisemitismus die Rede sein, mehr als man­chem geschmack­voll, not­wen­dig und gerecht erschei­nen dürfte. Aber zu der Zeit, in der man diese Blätter mögli­cherweise lesen wird, wird man sich, so hoffe ich wenigs­tens, kaum mehr einen rech­ten Begriff zu bil­den ver­mö­gen, was für eine Bedeu­tung, see­lisch fast noch mehr als poli­tisch und sozial, zur Zeit, da ich diese Zeilen schreibe, der soge­nann­ten Judenfrage zukam. Es war nicht mög­lich, ins­be­son­dere für einen Juden, der in der Öffent­lich­keit stand, davon abzu­se­hen, dass er Jude war, da die andern es nicht taten, die Christen nicht und die Juden noch weni­ger. Man hatte die Wahl, für unemp­find­lich, zudring­lich, frech oder für emp­find­lich, schüch­tern, ver­fol­gungs­wahn­sin­nig zu gel­ten. Und auch wenn man seine innere und äußere Haltung so weit bewahrte, daß man weder das eine noch das andere zeigte, ganz unbe­rührt zu blei­ben war so unmög­lich, als et­wa ein Mensch gleich­gül­tig blei­ben könnte, der sich zwar die Haut ana­es­the­sie­ren ließ, aber mit wachen und offe­nen Augen zuse­hen muß, wie unreine Messer sie rit­zen, ja schnei­den, bis das Blut kommt.” (Arthur Schnitzler: Jugend in Wien. Eine Autobiographie. Wien, Zürich, München: Molden 2.Aufl. 1968. S.328–329). Ungeachtet der ganz kon­kre­ten his­to­ri­schen Situation aus der die bei­spielhafte Geschichte des Herrn Cleophas ent­stan­den ist und die lange vor der Machtergreifung der National­sozialisten anzu­set­zen ist, reicht die “paraboli­sche Bedeutung des Textes weit dar­über hin­aus, Immer wie­der erfah­ren wir, dass die unvor­ein­ge­nom­mene Apperzeption durch ste­reo­type, prä­ju­di­zie­rende und sim­pli­fi­zierte Vorstellungsklischees ein­ge­schränkt oder ver­zerrt wird. Ge­rade im Bereich sozia­ler und poli­ti­scher Konflikte sto­ßen wir per­ma­nent auf jene ‘par­tei­mä­ßige Bewußtseinstrübung’, von der Schnitzler in sei­nen ‘Be­trachtungen’ spricht und die stets aufs neue kri­ti­sche Reflexion not­wen­dig macht.” (Zobel 2008: S. 140)

Der Aufsatz von Juliane Köster zeigt sehr deut­lich, dass es höchst pro­ble­ma­tisch ist, die Einstufung von lite­ra­ri­schen Texten nach ihrem Schwierigkeitsgrad ent­spre­chend einem all­ge­mein gehal­te­nen Rasterschema vor­neh­men zu wol­len. Unverzichtbare Voraussetzung aber für alle der­ar­ti­gen Versuche muss eine sach­ge­rechte Analyse und über­zeu­gende Interpretation des in Frage ste­hen­den Textes bil­den. In dem vor­lie­gen­den Fall hätte es sich ganz unzwei­fel­haft emp­foh­len, die TEXTANALYSEN (s.o.) her­an­zu­zie­hen, die unmit­tel­bar auf die Texte aus der Sammlung MODERNE KURZPROSA bezo­gen sind.