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Unerhörte Begebenheiten. Interpretationen und Analysen zu drei Novellen des 19. Jh. (Klaus Zobel) — ISBN 978–3–925927–04–1

Es mag zunächst über­ra­schen, dass in dem hier ange­zeig­ten Band C.F. Meyers Novelle DER SCHUSS VON DER KANZEL zum Gegenstand einer ein­ge­hen­den Analyse gemacht wor­den ist, da das Werk des Autors in den letz­ten Jahrzehnten in zuneh­men­dem Maße an Resonanz ver­lo­ren hat. So sind gerade auch seine novel­lis­ti­schen Arbeiten als Produkte eines unschöp­fe­ri­schen Historismus abqua­li­fi­ziert wor­den, wobei man aber blind blieb für die sub­tile, ironisch-humorvolle Darstellung, mit der C.F. Meyer bei­spiels­weise im SCHUSS VON DER KANZEL die­sen bäuerlich-bürgerlichen Kosmos am Zürichsee in sei­ner gan­zen Fragwürdigkeit vor­führt. Der Autor ent­wirft hier eine fein abge­stufte Satire auf ver­steckte Habgier, Selbstzufriedenheit und Spießertum, in der sich para­dig­ma­tisch ein Bild der Schweizer Gesellschaft wider­spie­gelt. Einen beson­de­ren Reiz gewinnt die Novelle aber durch ihre zwei­schich­tig ange­legte erzäh­le­ri­sche Struktur, deren Funktion für Sinn und Aussage vom Verfasser der vor­ge­leg­ten Analyse auf­ge­deckt wird. Er zeigt, dass sich von der Ebene des komisch-heiteren Spiels ein zwei­tes erzäh­le­ri­sches Stratum absetzt, das sich aus den man­nig­fa­chen Vordeutungen und Zeichen kon­sti­tu­iert, die auf den nahen Tod des Generals ver­wei­sen. Sie ste­hen in pro­non­cier­tem Gegensatz zu den Verwirrungen und Lösungen der Mythikoner Komödie. Auf die­ser zwei­ten Ebene ent­wi­ckelt C.F. Meyer eine kon­tra­punk­tisch geführte Unterstimme, die bereits mit der Naturschilderung des Novellenanfangs ein­setzt. Zobel zeigt, dass der epi­sche Vorgang vor­ran­gig auf der Ebene des hei­te­ren Spiels um die “Heimspottung” der Mythikoner ent­wi­ckelt wird, wäh­rend mit der Gestaltung der zwei­ten Ebene das Bild des Generals und sein Handeln in einem tie­fe­ren Sinn ver­ständ­lich wer­den. Die spöt­ti­sche Distanz, aus der er die Gesellschaft am See beob­ach­tet und auf sie ein­wirkt, sowie seine Ironie grün­den in dem Bewusstsein mensch­li­cher Hinfälligkeit, aber auch in dem Wissen um die Scheinhaftigkeit, Fragwürdigkeit und Eitelkeit allen mensch­li­chen Tuns. Die Ober– und Unterstimme in der novel­lis­ti­schen Komposition, die so weit aus­ein­an­der­zu­lau­fen schei­nen, wer­den dadurch zusam­men­ge­führt, dass die komö­di­an­ti­sche Intrige schließ­lich und end­lich nur jener letzt­wil­li­gen Ordnung der Verhältnisse dient, mit wel­cher der General sein Haus bestellt und sei­nen end­gül­ti­gen Abschied vom See nimmt.

In sei­nen Ausführungen zu Arnims Novelle DER TOLLE INVALIDE AUF DEM FORT RATONNEAU macht Zobel ein­seh­bar, wie es Arnim gelingt, durch figu­ra­tive Verweise, meta­pho­ri­sche Fügungen und moti­vi­sche Verknüpfungen eine poly­va­lente Erzählstruktur zu schaf­fen, die die­ser Emigrations– und Liebesgeschichte einen beson­de­ren Reiz ver­leiht, die unge­ach­tet der Vielschichtigkeit des Erzählvorgangs durch die Kohärenz ihrer epi­schen Gestaltung und ein “dicht­ge­web­tes Netz cha­rak­te­ri­sie­ren­der Einzelheiten” (Ina Seidel) eine beein­dru­ckende Geschlossenheit auf­weist. U.a. wird in der Analyse her­vor­ge­ho­ben, wie die zunächst so mär­chen­haft dar­ge­bo­tene Verfluchungsgeschichte chif­friert die psy­chi­sche und gesell­schaft­li­che Situation der bei­den Liebenden beschreibt. Und der her­me­neu­ti­sche Kommentar erleich­tert das Verständnis für das höchst unge­wöhn­li­che Dreiecksverhältnis zwi­schen Francoeur, Rosalie und dem Grafen Dürande durch eine sprach­li­che Analyse jener bild­haf­ten Anspielungen, die von Arnims Zeitgenossen sicher­lich augen­zwin­kernd ver­stan­den wur­den, wäh­rend der moderne Leser dazu neigt, sol­che Tropen, die nicht mehr in sei­nem Sprachhorizont lie­gen, schlicht­weg zu über­le­sen. Erst mit der Einsicht in deren Bedeutung fin­det man Zugang zu der so reizvoll-verstohlen und allu­siv beschrie­be­nen Beziehung zwi­schen dem Grafen und sei­ner “feu­ri­gen” Retterin. Über­zeu­gend auch, dass Zobel auf die Anfangsphase des Verhältnisses zwi­schen Rosalie und Francoeur ein­geht und das Augenmerk auf die Spannungen im bür­ger­li­chen Milieu lenkt, in denen sich bereits Belastungen ankün­di­gen, unter denen die Liebe der bei­den ste­hen wird. Francoeur und Rosalie sind in die pre­käre Situation von Außenseitern gera­ten, aus der sich fast zwangs­läu­fig Probleme für ihr Verhältnis erge­ben müs­sen. Und so macht Zobel deut­lich: Eine solch schnelle, vor­be­halt­lose, unwill­kür­li­che und spon­tane Hingabe an einen völ­lig Fremden, der zudem als Kriegsgefangener und Ausländer ohne gesell­schaft­li­che Kontakte, ohne Protektion und beruf­li­che Beziehungen einer mehr als frag­wür­di­gen Zukunft ent­ge­gen­sieht, ver­stößt gegen alle Normen der bür­ger­li­chen Welt. Die Stellung der Frau in jener Zeit – vor aller Emanzipation – wird deter­mi­niert vor allem durch die hier­ar­chisch geord­nete Familie, in der der Hausvater unein­ge­schränkte Autorität genießt. Zudem schrei­ben die Rücksichten auf Stand und Herkommen bin­dend bestimmte Verhaltensformen vor, die gerade bei der Beziehung der Geschlechter strikt zu beach­ten sind. Rosalie han­delt, als sie Francoeur auf­sucht, weder unter dem Schutz einer kari­ta­ti­ven Organisation, eines Freundinnenkreises oder einer Begleitperson, sie igno­riert alle gesell­schaft­li­chen Instanzen, die vor einer sol­chen Begegnung ein­zu­schal­ten wären, und damit ris­kiert sie zwangs­läu­fig ihren guten Ruf. In der Einschätzung ihrer Freundinnen und Bekannten kann ihr Verhalten nur als ver­ant­wor­tungs­los, leicht­fer­tig, ja gri­set­ten­haft und skan­da­lös gel­ten. Vergegenwärtigt man sich den gesell­schaft­li­chen Horizont der Zeit, so erscheint auch die hef­tige Reaktion der Mutter nur zu ver­ständ­lich. Wir erra­ten unschwer, dass sie ihre Tochter eine Hure nennt. Begreiflicherweise scheut sich Rosalie bei ihrer spä­te­ren Erzählung, dies in Gegenwart des Kommandanten so klar aus­zu­spre­chen. Mit der vor­lie­gen­den Textanalyse dürfte ein auf­schluss­rei­cher Zugang zu die­ser  ein­drucks­voll gestal­te­ten Novelle geschaf­fen wor­den sein, die in der Vergangenheit man­cher­lei Missverständnissen und Fehlinterpretationen aus­ge­setzt war.

Obschon DIE SCHWARZE SPINNE von Jeremias Gotthelf seit den 2oer Jahren des vori­gen Jahrhunderts mehr­fach Gegenstand lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­cher Untersuchungen gewor­den ist, bie­ten die STUDIEN ZUR ANALYSE ERZÄHLERISCHER PROSA BAND I neue und reiz­volle Einsichten in dies Werk, das aus dem Kanon her­vor­ra­gen­der Novellen der deut­schen Literatur nicht mehr weg­zu­den­ken ist. Mit der Darlegung von Aufbau und Funktion der eigen­wil­li­gen Verquickung von Rahmenhandlung und Binnengeschichte schafft sich der Verfasser eine wich­tige Grundlage für seine her­me­neu­ti­schen Ausführungen, die er nicht zuletzt durch seine ebenso detail­lierte wie über­zeu­gende Beschreibung von Entwicklung und Bedeutung des Teufelspaktes absi­chert. In sei­ner sprach­ana­ly­ti­schen Textbetrachtung kon­zen­triert er sich zunächst auf jene rhe­to­ri­schen und klanglich-rhythmischen Gestaltungselemente, die Gotthelf ein­setzt, um die Wende– und Höhepunkte des erzähl­ten Geschehens in ihrer Wirkung zu inten­si­vie­ren, zugleich bie­tet er auch dort Verständnishilfen, wo es darum geht, topoi und Allusionen, die dem bibel­fer­nen Leser der Gegenwart nicht mehr geläu­fig sind, auf­zu­hel­len. So weist er dar­auf hin, dass in dem Traum der Mutter, die ihr Kind vor der Spinne schüt­zen will, aber über­müdet ein­ge­schla­fen ist, der Weckruf des Priesters (“Weib, wache auf, der Feind ist da!”), der drei­mal ertönt, bei Gotthelfs Zeitgenossen ein viel­stim­mi­ges Echo aus­löst, in dem Erinnerungen an Kirchenlieder wie “Wachet auf, ruft uns die Stimme”, “Wacht auf, ihr Christen alle”, “Wach auf, wach auf, s ist hohe Zeit”, “Wach auf, wach auf, du deut­sches Land”, Wacht auf vom Schlaf, ihr Sünder” und andere mit­schwin­gen, in denen die Gläubigen auf­ge­ru­fen und gemahnt wer­den, aus dem Schlaf der Gleichgültigkeit, Gottvergessenheit und nach­läs­si­gen Unentschiedenheit auf­zu­wa­chen, um ihre christ­li­che Bestimmung nicht zu ver­feh­len und in wacher Erwartung auf den Ruf des Herrn und Heilands vor­be­rei­tet zu sein. Doch Gotthelf evo­ziert mit sei­ner Traumbeschreibung gleich­falls Assoziationen an Bibelstellen wie das 13. Kapitel aus dem Markusevangelium, das mit der Aufforderung schließt: “Wachet!” Vielen sei­ner Gemeinde wer­den auch die ein­schlä­gi­gen Worte aus den Briefen des Paulus oder dem ers­ten Sendschreiben des Petrus in den Sinn kom­men. Und ebenso mögen hier Zitate aus den Psalmen, der Offenbarung des Johannes und dem Lukasevangelium oder Erinnerungen an den Bericht des Matthäus über die Nacht in Gethsemane anklin­gen.

Und noch ein wei­te­res Beispiel mag bele­gen, dass dem heu­ti­gen Leser Sinnverkürzungen im Rezeptionsprozess unter­lau­fen kön­nen, die auf das Fehlen jenes Vorwissens zurück­zu­füh­ren sind, über das Gotthelfs Zeitgenossen ganz selbst­ver­ständ­lich ver­füg­ten. Deshalb rich­tet Zobel den Blick auf eine Phase des Erzählvorgangs, die zwei­fel­los zu den ein­drucks­volls­ten Passagen der Novelle gehört. Es han­delt sich hier um die Schilderung des Ausritts von jenem jun­gen Ordensritter, der wild ent­schlos­sen ist, die teuf­li­sche Spinne zu töten. Und dazu lesen wir in sei­nen Ausführungen:

In vol­ler rit­ter­li­cher Rüstung auf sei­nem Pferd, die Lanze am Sattel, den Falken auf der Faust und beglei­tet von sei­nen wil­den Hunden, zieht er aus, das Ungeheuer zu ver­nich­ten. Dieses Bild des Ritters erin­nert un­verkennbar an den hei­li­gen Georg, den Drachentöter, von dem uns die ‘Legenda aurea’ des Jacobus de Voragine und die Handschriften und Drucke des Passionals berich­ten. St. Georg gilt als der wich­tigste Soldatenheilige der Ostkirche, und das seit dem 12. Jahrhundert nach­ge­wie­sene Motiv des Drachenkampfes hat das Bild die­ses Heiligen in ent­schei­den­der Weise geprägt. In der Schweiz ebenso wie in Deutschland begeg­net man sei­nem Standbild als Drachentöter im Zentrum der Städte und Dörfer. Dem hei­li­gen Georg fühlt man sich vie­ler­orts beson­ders ver­bun­den, denn in ihm ver­ehrt man den Glaubenskämpfer, den Märtyrer, den Schutzpatron und vor allem das Vorbild eines christ­li­chen Ritters. Dass der streit­bare und zügel­lose Ordensmann aus der Runde des Hans von Stoffeln sich in der Nachfolge und Rolle Sankt Georgs sieht, bringt er selbst zum Ausdruck, wenn er seine Kampfgenossen und Konfratres wegen ihrer heim­li­chen Angst ver­spot­tet und hin­zu­fügt: ” … wenn sie vor einer Spinne sich fürch­te­ten, was sie dann gegen Drachen machen woll­ten.” Die Georgslegende liegt als Folie und Gegenbild die­ser Beschreibung des ver­mes­se­nen und ver­wil­der­ten Ordensritters, der weder ‘Gott noch Teufel’ fürch­tet, zugrunde. Dem fehlt es zwar nicht an Mut, doch hat er ebenso wie der Schlossherr dem Ethos eines got­tes­fürch­ti­gen, in ‘zuht und maze’ leben­den christ­li­chen Ritters abge­schwo­ren. Sie per­ver­tie­ren die Tugenden und Prinzipien ihres Ordens und haben an die Stelle einer wahr­haft christ­li­chen Gesinnung Maßlosigkeit, unge­zü­gelte, bru­tale Herrschsucht und Vermessenheit gesetzt. In sei­ner äuße­ren Erscheinung mag der ‘junge Polenritter’ sei­nem gro­ßen Vorbild aus der Legende glei­chen, in sei­ner inne­ren Haltung aber ver­bin­det ihn nichts mit dem rit­ter­li­chen Heiligen. Wie St. Georg meint er zwar, in den Kampf mit einem Ungeheuer zu zie­hen, doch in sei­ner Verblendung ver­kennt er völ­lig, dass ‘die Kraft der welt­li­chen Waffen gegen die­sen Feind so schlecht sich bewährt hat’ und dass ihm gerade jene Stärke des Märtyrers und Heiligen fehlt, die allein aus dem Glauben kom­men kann. Wie er streit­be­reit und sie­ges­si­cher aus­zieht, Menschen und Tiere aber in pani­schem Erschrecken vor ihm flie­hen, weil der Ahnungslose die Spinne, die er doch zu suchen meint, bereits ‘schwarz, in über­na­tür­li­cher Größe’ auf sei­nem Helm trägt, wie er im Wahn sei­nes Hochmuts in die Tiefe stürzt und die furcht­bare Spinne ihm ihre Füße durch den Helm hin­durch ins Hirn brennt, das gestal­tet Gotthelf mit gro­ßer Eindringlichkeit zu einem sinn­bild­li­chen Vorgang, in dem mensch­li­che Verblendung und Hybris ebenso Ausdruck fin­den wie die dia­bo­li­sche Ironie und Grausamkeit der teuf­li­schen Spinne. Dass diese erzäh­le­ri­sche Episode der Novelle unse­res Wissens bis­lang noch nicht als Antilegende und Gegengeschichte zur Hagiographie des hei­li­gen Georg gewür­digt wor­den ist, mag als ein wei­te­rer Beleg dafür die­nen, dass selbst das ursprüng­lich Offenkundige und Naheliegende im Horizont einer spä­te­ren Zeit kaum noch wahr­ge­nom­men wird.

Aufschlussreich ist zwei­fel­los auch, wie der Verfasser in sei­nen her­me­neu­ti­schen Ausführungen das Widerspiel von tra­dier­ter Quelle und christ­li­cher Beispielerzählung als eine Variante eines dop­pel­schich­tig ange­leg­ten Erzählvorgangs vor­stellt: “Es stellt sich ange­sichts des qual­vol­len Leidens, das der Grüne und seine teuf­li­sche Kreatur ins Tal brin­gen, die Frage, wie Gott eine sol­che Tyrannei des Bösen zulas­sen kann. Muss diese Rache des Teufels, der mit zyni­scher Ironie die Menschen zum Opfer und Spielball sei­ner sadis­ti­schen Grausamkeit macht, nicht eigent­lich Zweifel an der güti­gen Vorsehung Gottes wach­ru­fen? Wäre von dem Allmächtigen nicht zu erwar­ten, dass er dem sata­ni­schen Treiben Einhalt gebie­tet, allein schon des­halb, weil die Menschen doch zunächst ohne allen teuf­li­schen Beistand und mit Gottvertrauen ver­sucht haben, die Fronarbeit red­lich zu bewäl­ti­gen? Sind sie nicht erst durch die Sabotageakte des Grünen an ihrer Aufgabe geschei­tert und ver­zwei­felt? Und haben sie es anfäng­lich nicht sogar gewagt, dem Grünen sei­nen got­tes­läs­ter­li­chen Lohn vor­zu­ent­hal­ten, wofür sie dann in der Folge unter dem Terror sei­ner Vergeltung büßen müs­sen? Die Radikalität, mit der Gotthelf das schreck­li­che Los der Menschen beschreibt, führt ihn in den Widerspruch zwi­schen der Theodizee, die sei­nem christ­li­chen Weltbild ent­spricht, und dem tra­gi­schen Verhängnis der Talbewohner, das er als Strafe eines radi­kal Bösen dar­stellt, ohne daß vor­erst Gottes Willen darin zu erken­nen wäre. Stellen wir die bei­den gegen­läu­fi­gen Auffassungen vom Wirken des Grünen, wie sie sich im Laufe des novel­lis­ti­schen Geschehens abzeich­nen, gegen­über, so zeigt sich, dass bis zum Opfertod des Priesters die Heimsuchung aus­schließ­lich als Racheakt des Grünen cha­rak­te­ri­siert wird. Erst danach tritt in der erzäh­le­ri­schen Kommentierung des Geschehens eine neue Sinndeutung des mensch­li­chen Leidens her­vor, nach wel­cher die Verheerung des Tals durch die Spinne als ein Strafgericht auf­ge­fasst wird, das Gott in sei­nem gerech­ten Zorn über die mit dem Teufel pak­tie­rende Gemeinde ver­hängt hat. Und so gerät nun­mehr der Grüne mit der gan­zen Bösartigkeit sei­ner grausam-tückischen Verfolgung der Talbewohner in eine neue Rolle: Er wird zum Vollstrecker des gött­li­chen Willens. Er straft zwar hoc animo, um die Auslieferung eines unge­tauf­ten Kindes zu erzwin­gen und eine tiefe Kluft zwi­schen Gott und den Menschen auf­zu­rei­ßen, aber er bewirkt letzt­lich das genaue Gegenteil, näm­lich eine innere Umkehr der Gemeinde und eine Rückbesinnung auf Gott, die durch den Märtyrertod des Priesters und der jun­gen Mutter ein­ge­lei­tet wer­den (…).

Mit logi­scher Schlüssigkeit ist diese Wendung in der Gestaltung und Begründung des Bösen nicht zu gewin­nen. Wohl aber eröff­net sich ein Zugang zu Gotthelfs Darstellung, wenn man sich ver­ge­gen­wär­tigt, dass zwei Pestsagen Sujet und Inhalt des novel­lis­ti­schen Vorgangs wesent­lich mit­be­stimmt haben. Gotthelf beschreibt mit gro­ßer Eindringlichkeit den Einbruch der grau­en­vol­len Epidemie ins Tal, er zeigt in aller Schärfe, wie Gerechte und Ungerechte, wie Gläubige und Gleichgültige, Sünder und Unschuldige will­kür­lich und wahl­los von der Seuche dahin­ge­rafft wer­den. Seine Quellen zeich­nen ihm hier gewis­ser­ma­ßen Thema und Gegenstand sei­nes Erzählerberichts vor. Wären die Menschen im Tal aber nur Opfer unver­dien­ten Leids, so wür­den die Fragen nach der Theodizee, nach der Gerechtigkeit und Allmacht Gottes zwangs­läu­fig zu Widersinnigkeiten und Aporien füh­ren. Weshalb sollte Gott die von den see­len­lo­sen Schlossherren aufs äußerste drang­sa­lier­ten Bauern noch zusätz­lich und grund­los mit dem Ausbruch einer ver­hee­ren­den Pest stra­fen? Erst mit dem Teufelspakt und der Fallenstellerei des Grünen ver­strickt sich die Gemeinde zuneh­mend in Schuld, so dass schließ­lich die Heimsuchung des Tals als gött­li­ches Strafgericht theo­lo­gisch justi­fi­ziert und erklärt wer­den kann. Gotthelfs erzäh­le­ri­sche Gestaltung voll­zieht sich auf zwei Ebenen, die aller­dings eng mit­ein­an­der ver­wo­ben sind. Zum einen beschreibt er in Anlehnung an den über­lie­fer­ten Sagenstoff jene Pestepidemien, wel­che für die Menschen unbe­re­chen­bar und irra­tio­nal ein unfass­ba­res Unheil im Tal ver­brei­ten. Zum ande­ren wird ihm der his­to­ri­sche Vorgang zu einem sinn­bild­li­chen Geschehen, in dem sich Gefährdung, Chaos, Gottferne, Rettung und wie­der­ge­won­nene Ordnung einer christ­li­chen Gemeinde bei­spiel­haft spie­geln. Den Terror der Pest ver­an­schau­licht er im Bild der Spinne, mit der Schilderung ihres sadistisch-zynischen Spiels beschwört er das grau­same, ver­zwei­felte Sterben der Menschen, zugleich aber schafft er mit dem Spinnenmythos die Basis für die figu­ra­tive Erzählebene, auf der die leid­vol­len Prüfungen des Tals zunächst zwar als Werk des Satans erschei­nen, letzt­lich jedoch sich als ein gott­ge­füg­tes Geschick erwei­sen, mit dem der Allmächtige die Gemeinde wie­der auf den Weg des Heils und der christ­li­chen Demut zurück­füh­ren will. Die Beschreibung, die Gotthelf vom ent­setz­li­chen Treiben der dia­bo­li­schen Spinne und dem Dahinsiechen der Pestopfer so bedrän­gend zu ent­wi­ckeln weiß, ver­liert auch nicht durch die nach­drück­lich dar­ge­legte Theodizee ihre beklem­mende Wirkung. Die Erzählung von der Spinne trifft uns emo­tio­nal in ähnli­cher Weise wie jene gro­ßen Leidensmythen der Antike, in denen arche­ty­pisch mensch­li­che Urängste und Zweifel Gestalt gewin­nen. Diese Novelle ist alles andere als ein Exempel reli­giö­ser Erbauungsliteratur, in dem sich das mensch­li­che Dasein gott­ge­fäl­lig und wun­der­sam zum Heile fügt. Die Infamie des Bösen, das in die Gemeinde des Tals ein­bricht, bestimmt in Gotthelfs Darstellung den Eindruck. Mit den Bildern von der Geburt der Spinnen und der alp­traum­haf­ten Metamorphose Christines schafft Gotthelf bedrü­ckende Visionen der Angst, die uns in ähnli­cher oder ver­wand­ter Form bei Edgar Allan Poe, E.T.A. Hoffmann, Kafka oder auch Kubin begeg­nen. Selbst in der Idylle der Rahmenhandlung, in wel­cher die Familie und das bäu­er­li­che Gemeinwesen so friedvoll-harmonisch geschil­dert wer­den, bleibt die apo­ka­lyp­ti­sche Bedrohung jeder­zeit prä­sent (…).

In zuneh­men­dem Maße har­mo­ni­siert Gotthelf bei der Entwicklung des epi­schen Vorgangs den Bericht über das furcht­bare Geschehen mit sei­nem theo­lo­gi­schen Konzept. Doch der didak­ti­sche Ansatz, den er mit der lehr­haf­ten Gestaltung sei­nes Exempels ver­folgt, hat ihn nicht daran gehin­dert, mythi­sche Bilder und Visionen der Angst zu schaf­fen die ganz und gar nicht in die Lebensform behaglich-frommer Religiosität oder bie­der­mei­er­li­cher Beschaulichkeit pas­sen wol­len.

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