Einkauf

Der Warenkorb ist leer.
Ausführliche Informationen zu den einzelnen Publikationen

Vergleichende Analysen (Zobel/Eschweiler) — ISBN 978–3–925927–05–8

Durch die Kontrastierung the­men­glei­cher Texte wird in der hier vor­ge­stell­ten Arbeit der Einstieg in die Analyse von Beispielen lite­ra­ri­scher Kurzprosa maß­geb­lich unter­stützt und inten­si­viert. Im Anschluss an Verfahren, wie sie mit der Erforschung der Intertextualität Eingang in die Literaturwissenschaft gefun­den haben, kann die Wahrnehmung für die indi­vi­du­elle Ausprägung der ein­zel­nen lite­ra­ri­schen Zeugnisse erheb­lich geschärft wer­den, da der Textvergleich Gemeinsamkeiten, Analogien und Parallelen ebenso pro­fi­liert her­vor­tre­ten lässt wie cha­rak­te­ris­ti­sche Unterschiede, spe­zi­fi­sche Eigenheiten oder Deviationen von erwar­te­ten Erzählmustern. Und damit för­dert diese Methode in beson­de­rer Weise die Einsicht in Konzeption und Sinnstruktur des Werks.

Die Möglichkeiten, das kom­pa­ra­tive Verfahren für die Texterschließung pro­duk­tiv zu nut­zen, sind unge­mein viel­fäl­tig. Wie varia­bel diese Methode ein­zu­set­zen ist, zeigt sich u.a. bei Ansatz und Durchführung der VERGLEICHENDEN ANALYSEN. So erweist sich am Beispiel von Andersens Märchen “Des Kaisers neue Kleider”, dass ein Zugang zur para­bo­li­schen Bedeutung des Textes durch die Komparation von zwei unter­schied­li­chen Fassungen des Schlusses zu gewin­nen ist, aus deren Gegenüberstellung der Verfasser seine über­zeu­gende Entschlüsselung des Märchens ablei­tet. Gleichermaßen instruk­tiv für das Werkverständnis kann unter Umständen aber auch die wech­sel­sei­tige Betrachtung zweier ver­schie­den­ar­ti­ger Erzählungsanfänge sein. Das wird deut­lich bei Dürrenmatts Tunnelgeschichte: Hier lässt sich durch die Kontrastierung des kom­plex struk­tu­rier­ten Eingangssatzes mit einer geglät­te­ten und span­nungs­lo­sen Neufassung des initi­ums eine detail­lierte Erfassung der sprach­li­chen Struktur des Anfangs und eine zuver­läs­sige Einschätzung sei­ner Funktion im Wirkungszusammenhang der Erzählung errei­chen. Geradezu zwangs­läu­fig bie­tet sich die Komparation als Methode an, wenn sich zwei unter­schied­li­che Texte auf einen erzäh­le­ri­schen Archetypus bezie­hen, dem beide mehr oder weni­ger deut­lich ver­pflich­tet sind, wie das z. B. bei Robert Walsers und Günter Kunerts Umgestaltungen des Märchens von “Dornröschen” oder bei Franz Kafkas und Günter Kunerts Umdeutungen des bib­li­schen Gleichnisses vom ver­lo­re­nen Sohn der Fall ist. Obwohl nun diese tra­dier­ten Vorlagen das Thema für die moder­nen Bearbeitungen vor­ge­ben und die Autoren bei der Gestaltung ihrer Texte still­schwei­gend die Kenntnis die­ser Stoffe beim Leser vor­aus­set­zen, erschöpft sich darin nicht deren Überein­stim­mung. Für die Ermittlung und Bestimmung des ter­tium com­pa­ra­tio­nis ist außer­dem wesent­lich, dass sowohl bei den Prosaskizzen Kafkas und Kunerts als auch bei den Abwandlungen des Dornröschen-Stoffes von Walser und Kunert die viel wei­ter rei­chende Gemeinsamkeit darin besteht, dass das erzäh­le­ri­sche Grundmuster ver­frem­det und in sei­nem ursprüng­li­chen Sinn umge­kehrt wird.

Nicht immer fal­len Ähnlich­kei­ten und Verbindungen zwi­schen den ver­gli­che­nen lite­ra­ri­schen Arbeiten unmit­tel­bar ins Auge. So wird man zwar bei der Gegenüberstellung von Kunerts Prosaminiaturen “Nach der Landung” und “Die klei­nen grü­nen Männer” sehr schnell durch­schauen, dass in bei­den ein Sujet aus der Science Fiction, näm­lich die Landung von Außerirdischen auf der Erde, auf­ge­grif­fen wird, doch die Einsicht in die ganz aktu­elle, gesell­schafts­kri­ti­sche Bedeutung, die beide Texte in einem tie­fe­ren Sinne ver­bin­det und ein­an­der zuord­net, ist erst all­mäh­lich im Prozess der her­me­neu­ti­schen Erschließung zu erken­nen.

Hervorzuheben ist zudem, dass es den Autoren gelingt, durch die Aufdeckung von Präfigurationen zu den ana­ly­sier­ten Werken über­ra­schende Einblicke in die Umgestaltung und ori­gi­nelle Umdeutung vor­ge­ge­be­ner Erzählelemente zu schaf­fen, die zu einer ver­ständ­nis­vol­le­ren Rezeption der Texte wesent­lich bei­tra­gen. So wird z.B. nach­ge­wie­sen, dass Kunert im Rückgriff auf Formen der Teufelsbeschreibung und –beschwö­rung aus der christ­li­chen Mythologie sowie durch par­odis­ti­sche Nachahmung von Klischees der Science-Fiction-Literatur eine ori­gi­nelle Prosaskizze schafft, die dann wider Erwarten eine höchst poli­ti­sche Konnotation gewinnt. Und wo ließe sich bei­spiels­weise die “effek­tive Präsenz eines Textes in einem ande­ren” (Genette) bes­ser in ihrer Wirkungsweise stu­die­ren als in den Kontrafakturen des Dornröschen-Märchens, wie sie Robert Walser und Günter Kunert gestal­tet haben, zumal hier Vorformen und Vorstufen des Märchens (Basile, Perrault u. W. Grimm) in den Prozess der Textexploration ein­be­zo­gen wer­den? Ein ande­res und ebenso instruk­ti­ves Beispiel für diese lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Methode bie­ten auch die Ausführungen zu Dürrenmatts Kurzerzählung DER TUNNEL. Hier kann der Ausschnitt aus Musils MANN OHNE EIGENSCHAFTEN, den Zobel als Prätext zu Dürrenmatts Tunnelgeschichte iden­ti­fi­ziert und in dem Musil mit poin­tier­ter Ironie ein Bild vom „Zug der Zeit” ent­wirft, nach­ge­rade als Lesehilfe für die Lektüre der Tunnelerzählung fun­gie­ren.  Bedeutsam zudem die ver­glei­chen­den Hinweise auf Karl Barths theo­lo­gi­sche Metaphorik, die Dürrenmatt unver­kenn­bar beein­flusst hat. Die Bewusstmachung die­ses Zusammenhangs leis­tet einen wesent­li­chen Beitrag zur Entschlüsselung des Tunnel-Textes. Reizvoll in die­sem Kapitel gleich­falls, dass der Verfasser her­aus­ar­bei­tet, wie stark der Antiheld Belikow aus Čechovs Erzählung DER MENSCH IM FUTTERAL eine Präfiguration des jun­gen Studenten dar­stellt, der aller­dings in sei­ner Charakterisierung – unge­ach­tet aller Ähnlich­kei­ten mit Belikow – eine reiz­volle Umdeutung erfährt. Somit ist für diese Arbeit fest­zu­hal­ten, dass die her­me­neu­ti­sche Erschließung der ein­zel­nen Werke ein­ge­bun­den wird in die ver­glei­chende Betrachtung auf­ein­an­der bezo­ge­ner Texte, wobei die Einsicht in Widerspiegelung und Abwandlung vor­ge­ge­be­ner Erzählmuster inte­grier­ter Teil der Interpretation ist.

Auf die fol­gen­den in dem vor­lie­gen­den Band abge­druck­ten Beispiele moder­ner Kurzprosa wird in den VERGLEICHENDEN ANALYSEN Bezug genom­men:

Günter Kunert: Die klei­nen grü­nen Männer / Nach der Landung / Der ver­lo­rene Enkel / Dornröschen / Franz Kafka: Heimkehr/ Auf der Galerie / Der Evangelist Lukas: Das Gleichnis vom ver­lo­re­nen Sohn / André Gide: Die Rückkehr des ver­lo­re­nen Sohnes / Friedrich Dürrenmatt: Der Tunnel / Robert Musil: Auszug aus sei­nem Roman: Der Mann ohne Eigenschaften / Anton Čechov: Der Mensch im Futteral / Robert Walser: Dornröschen / Ovation / Herbert Heckmann: Der Gewinner / Max Holderbaum: Der Verlierer / Wilh. Grimm: Meister Pfriem / Vorformen des Stoffes / Hans Christian Andersen: Des Kaisers neue Kleider / Don Juan Manuel: Was einem König mit drei Schälken begeg­net / Georg Thiele (Hrsg): Der Affenkaiser

Sie kön­nen Vergleichende Analysen direkt im Katalog bestel­len.

Bitte beach­ten Sie, dass 14 Bei­spiele fiir lite­ra­ri­sche Kurz­prosa aus dem eben­falls im Katalog erhät­li­chen Text­band Prosa Parallel in den VERGLEICHENDEN ANALYSEN berück­sich­tigt wor­den sind.