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Textanalysen (Klaus Zobel) — ISBN 978–3–925927–08–9

Die TEXTANALYSEN, die nun­mehr in 3. Auflage erschie­nen sind, haben sich als ein Werk eta­bliert, das auf­schluss­rei­che Analysen zu bedeut­sa­men Beispielen moder­ner Kurzprosa dem Literaturwissenschaftler, aber auch dem Deutschlehrer und inter­es­sier­ten Leser an die Hand gibt. Hinsichtlich sei­nes her­me­neu­ti­schen Konzepts ver­weist der Verfasser dar­auf, dass nach sei­ner Auffassung die Analyse und Deutung lite­ra­ri­scher Texte in dem Maße an Zuverlässigkeit und Über­zeu­gungs­kraft gewinnt, als es gelingt, die Interpretation durch eine mög­lichst genaue Erfassung der sprachlich-strukturellen Gestaltungsmittel und der Darlegung ihrer Funktion abzu­si­chern. Zur Verdeutlichung sei­ner Position zitiert der Autor eine grund­sätz­li­che Feststellung, die Gerhard Kaiser in sei­ner Apologie der Interpretation trifft. Und er kom­ple­men­tiert diese durch einen Auszug aus Gadamers “Wahrheit und Methode”:

Kaiser: „Die her­me­neu­ti­sche Bemühung ver­steht sich bekannt­lich als rela­tiv zu ihrem indi­vi­du­el­len und his­to­ri­schen Ort und bekennt sich zu der Aufgabe, die­sen Standort mit­zu­re­flek­tie­ren.
Gadamer: „Die Hermeneutik im Bereich der Philologie und der his­to­ri­schen Wissenschaften […] ord­net sich selbst dem beherr­schen­den Anspruch des Textes unter.

Beide Zitate wird man als sich ergän­zende Leitlinien für Entwurf und Methode der TEXTANALYSEN anse­hen dür­fen. Anzumerken aber auch, dass in die­sen Untersuchungen der Leistung rhe­to­ri­scher Figuren für die Konstituierung der lite­ra­ri­schen Sinngefüge beson­dere Aufmerksamkeit gewid­met wird. Im Unterschied zu systematisch-deduktiv orga­ni­sier­ten Einführungen in die Rhetorik, bei denen oft die hin­läng­lich bekann­ten Muster der ora­tio als illus­tra­tive Belege für ein geschlos­se­nes System der Redekunst die­nen, wer­den hier die rhe­to­ri­schen Formen als Gestaltungselemente betrach­tet, deren Wirkungsweise aus ihrer engen Bindung an den Kontext zu erhel­len ist. Das rhe­to­ri­sche Formeninventar wird als offe­nes System ver­stan­den, des­sen Bedeutung für die Textinterpretation sich in sei­ner sprach­ana­ly­ti­schen Leistung zu erwei­sen hat. Und so bezieht sich die Zusammenstellung und Erläuterung der rhe­to­ri­schen Figuren im Anhang des Buches zurück auf die Texte, in deren Wirkungszusammenhang sie ein­ge­bun­den sind.

Die Ausführungen die­ses Bandes bezie­hen sich auf die fol­gen­den Texte:

Günter Kunert: El Dorado / Tagträume / Die Maschine / Reisesucht / Franz Kafka: Die Vorüberlaufenden / Eine Gemeinschaft von Schurken / Ein altes Blatt / Bertolt Brecht: Märchen / Über das Lesen von Büchern / Der Soldat von La Ciotat / Robert Walser: Basta / James Thurber: Walter Mittys Geheimleben / Das Einhorn im Garten / Siegfried Sommer: Kinohelden / Alfred Polgar: Grotesker Film / Liebe im Herbst / Kain und Abel / Das geschlach­tete Kalb / Der unbe­kannte Soldat / Erich Kästner: Errol Flynns Ausgehnase / Kurt Tucholsky: Ein Glas klingt / Die Katze spielt mit der Maus / Die Zentrale / Blick in ferne Zukunft / Arthur Schnitzler: Die grüne Krawatte / Dino Buzzati: Das ver­bo­tene Wort / Nikos Kazantzakis: Die Blinden / Waltraud Voigt: Kennziffer Mensch / Joseph Roth: Ein Reisebrief / Heinrich Böll: Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral / Wir Besenbinder / Peter Bichsel: San Salvador / Gabriele, Wohmann: Nachmittag / Die Klavierstunde / Alun Lewis: Der Lapsus / Max Frisch: Rip van Winkle / Robert Musil: Fischer an der Ostsee / Der Riese Agoag / Joh. Wilh. von Archenholtz: Der schwarze Husar / Martin Walser: Die Klagen über meine Methoden häu­fen sich.

Als anschau­li­ches Beispiel für eine der Analysen aus den hier vor­ge­stell­ten Untersuchungen seien die Ausführungen zu Günter Kunerts Text “El Dorado” im Folgenden zitiert:

I Günter Kunert: El Dorado

Kunert beschreibt in sei­ner para­bo­li­schen Erzählung “El Dorado”, wie Menschen auf der Suche nach einer kon­flikt­lo­sen und leid­fer­nen Welt des Über­flus­ses bei der Ankunft in ihrem ver­meint­li­chen “El Dorado” von der har­ten Realität des neuen Landes ernüch­tert und depri­miert wer­den. Das tra­dierte Erzählmuster, das die­sem Text zugrunde liegt, führt Kunert aber nun zu einer über­ra­schen­den Umkehrung, indem er zeigt, wie bei den Auswanderern der Prozess der Desillusionierung dia­lek­tisch in eine neue Phase der Illusionierung umschlägt. Die Geschichte macht sicht­bar, dass der Mensch ent­we­der im hoff­nungs­vol­len Vorgriff auf eine bes­sere Zukunft oder in der ver­klä­ren­den Erinnerung an die Vergangenheit lebt. Und es gehört zur psy­cho­lo­gi­schen Realitätsnähe der Erzählung, dass die Sehnsucht der Emigranten nach „El Dorado” sich nach ihrer Ernüchterung – schein­bar wider­sin­nig – umkehrt in die weh­mü­tige Erinnerung an das Spanien der Inquisition und  Unterdrückung. Der Wunsch nach Erlösung von der Wirklichkeit erfüllt sich in der Erwartung eines glück­haf­ten Neuen ebenso wie in der selek­ti­ven Erinnerung und Verklärung eines Vergangenen. Utopie und nost­al­gisch ver­klärte Idylle ver­ra­ten glei­cher­ma­ßen das ele­men­tare Bedürfnis des Menschen, sich dem Druck und Zwang sei­ner gegen­wär­ti­gen Verhältnisse zu ent­zie­hen.

Zunächst stüt­zen sich die Flüchtlinge und Auswanderer, die schmerz­lich die Macht eines auto­ri­tä­ren Staates sowie einer grausam-unduldsamen Kirche haben erfah­ren müs­sen, ein­zig auf die Hoffnung, das selig­ma­chende Glück in dem gol­de­nen Land ihrer Verheißung zu fin­den. Die ent­täu­schende Erfahrung der Wirklichkeit trifft sie dann so überg­angs­los und uner­bitt­lich, dass sie selbst den unschätz­ba­ren Wert der gewon­ne­nen Freiheit miss­ach­ten. Die Unerträglichkeit der Desillusionierung löst nahezu zwang­haft den Aufbau eines neuen Wunschbildes aus, das aber nun­mehr gegen alle per­sön­li­chen Erfahrungen der Betroffenen und im ekla­tan­ten Widerspruch zur durch­leb­ten Wirklichkeit sich ent­wi­ckelt. Verfolgt man die chro­no­lo­gi­sche Entwicklung des epi­schen Vorgangs, so zeigt sich, dass der erste Textabschnitt aus­schließ­lich der Präsentation jener ver­zwei­fel­ten Emigranten dient, die nichts mehr in dem Spanien König Philipps zu hal­ten scheint:

„In Ehren ver­krüp­pelte und ent­las­sene Soldaten, Juden, dem Scheiterhaufen,
und Hidalgos, dem Schuldturm ent­ron­nen, sowie Pächter von Land,
die keins mehr hat­ten: Unzufriedene, geeint nur durch Unzufriedenheit
–  sie durf­ten sich nen­nen ‚von Herrenrasse’, weil ihr König Philipp die Welt regierte.

Der erzäh­le­ri­sche Ansatz Kunerts ist vor allem des­we­gen bemer­kens­wert, weil der gesamte erste Abschnitt aus einem Satzgefüge besteht, des­sen Eingangs– und Hauptteil eine mehr­glied­rige, prä­di­kats­lose Aufzählung von Nomen bil­det, zu der jedoch mit dem nach­ge­stell­ten Hauptsatz das Verb gewis­ser­ma­ßen nach­ge­lie­fert wird. Diese unge­wöhn­li­che syn­tak­ti­sche Form der Einleitung hat eine wich­tige Funktion für die Konstituierung der Aussage. Kunert greift hier zur rhe­to­ri­schen Figur der Diärese: Nach der detail­lie­ren­den Nennung der ein­zel­nen Auswanderergruppen (Soldaten, Juden, Hidalgos und Pächter), deren elende Situation durch die jewei­li­gen attri­bu­ti­ven Fügungen gekenn­zeich­net wird, folgt der nach­ge­stellte Kollektivbegriff („Unzufriedene”), der durch die fol­gende Partizipialgruppe („geeint nur durch Unzufriedenheit”) noch ver­stärkt wird. Die Diärese, deren Aufbau die Interpunktion akzen­tu­iert (vgl. vor allem Kolon und Gedankenstrich) zeigt fol­gende Anordnung:

Mit die­ser Variante der Amplifikation bringt Kunert zum Ausdruck, wie hete­ro­gen die zusam­men­ge­wür­felte Gruppe von Verfolgten und Ausgebeuteten ist und wie wenig sie bin­det. Daneben ver­schärft die Form der Diärese und des syn­tak­ti­schen Gefüges den Widerspruch, der zwi­schen der erbar­mungs­wür­di­gen Lage jener „Unzufriedenen” und der anma­ßen­den Bezeichnung „von Herrenrasse” besteht. – In glei­cher Weise abwe­gig und ohne Beziehung zur Wirklichkeit sind die Vorstellungen, wel­che unter den Emigranten über “El Dorado” kur­sie­ren: Wie sehr man sich in den Erwartungen ver­stie­gen hat, demons­triert die absurde Meinung: „Dort wären sogar die Abtritte aus Gold.

Der para­bo­li­sche Charakter des Textes for­dert den Verzicht auf alle neben­säch­li­chen Informationen und die Verdichtung jener erzäh­le­ri­schen Züge, die das Gleichnis sinn­fäl­lig her­vor­tre­ten las­sen. Dass jedoch die kon­zen­trierte und knappe Form der Textgestaltung eine fei­nere Abstufung des sprach­li­chen Ausdrucks nicht aus­schließt, beweist u. a. der dritte Absatz, der den Aufbruch nach “El Dorado” und die Über­que­rung des Ozeans in nur vier Zeilen umreißt, aber zugleich nach dem Hinweis, dass die Flüchtlinge sich drei­ßig Tage hät­ten trei­ben las­sen, den Zusatz ent­hält:

Bis einer von ihnen, der für stern­kun­dig galt, sie als ange­langt erklärte…

Zunächst ein­mal schwingt in dem Relativsatz ein gewis­ser Doppelsinn mit, denn als „stern­kun­dig” gal­ten auch Astrologen und Hellseher, nicht nur Astronomen und Nautiker. Noch auf­schluss­rei­cher erweist sich aller­dings die Prädikatsverbindung in dem Temporalsatz, die – und das macht sie auf­fäl­lig – nicht völ­lig mit der Sprachnorm überein­stimmt, Übli­cher­weise würde man nach „erklä­ren“ einen abhän­gi­gen dass-Satz oder eine Präposition wie „für” erwar­ten. Wenn der Autor im vor­lie­gen­den Fall davon abweicht, dann des­halb, weil das Fügewort als zum Anschluss cha­rak­te­ri­sie­ren­der Bestimmungen dient, wobei vor­nehm­lich bei den Verben des Nennens und Urteilens die inhalt­li­che Kongruenz zwi­schen der qua­li­fi­zie­ren­den Prädikatskomponente und dem Bezugswort betont wird. Das objekt­be­zo­gene Verbum „erklä­ren” mit der beson­de­ren Form sei­ner Prädikatsverbindung besagt hier, dass der „Sternkundige“ durch sein Urteil ein­fach setzt, dass die Ankunft in “El Dorado” voll­zo­gen sei. Er ermit­telt nicht gewis­sen­haft, ob die Emigranten am gewünsch­ten Bestimmungsort ange­kom­men sind, son­dern er erklärt sie sua sponte als ange­langt. Dem ent­spricht, wenn es im vor­auf­ge­hen­den Relativsatz heißt, dass die Aus­wanderer „sich vom Wind trei­ben lie­ßen drei­ßig Tage”, auch dies weist auf die Willkür, mit der sie ihr Ziel suchen. Der bild­li­che Vergleich „Spanien war ihnen nicht mehr als eine über­wun­dene Krankheit” ver­rät die innere Distanz, die sie jetzt zu Spanien gewon­nen haben. Im eksta­ti­schen Gefühl, end­lich das Ziel all ihrer Hoffnungen erreicht zu haben, schnei­den sie sich mit dem Verbrennen des Schiffes den Rückweg ab.

Doch schon die erste Zeile des vier­ten Abschnitts deu­tet mit dem Incrementum „das unbe­kannte, unge­ahnte, unge­heu­er­li­che Grün der Dschungel“ auf die kom­mende Enttäuschung. Den ernüch­tern­den Umschwung bezeich­net Kunert mit vier bzw. fünf kon­zi­sen Sätzen, die in der Form einer Diärese geglie­dert sind. Mit der fol­gen­den Über­sicht sei ver­sucht, das Zusammenwirken der viel­fäl­ti­gen sprach­li­chen Gestaltungsmittel, die der Autor an die­ser Stelle ein­setzt, zu ver­an­schau­li­chen:

Die vier kon­kre­ten Sätze der Diärese brin­gen zum Ausdruck, dass sich die Traumbilder vom ersehn­ten Land immer­wäh­ren­den Glücks auf­lö­sen. Kunert for­mu­liert dabei die dritte und vierte Aussage als in der Form der Synekdoche, wodurch eine Ausweitung und Intensivierung des Mitgeteilten erreicht wird. Die Flüchtlinge ent­de­cken in der Neuen Welt

weder den uner­mess­li­chen Goldreichtum “El Dorados”,
(„Keine Spur Gold fand sich in die­ser Gegend,…”)
noch die fried­li­che Harmonie eines Garten Eden
(„Löwen wei­de­ten nicht neben Lämmern”)
oder den uner­schöpf­li­chen Über­fluss eines Schlaraffenlandes
(„Aus den schlam­mi­gen Quellen floss kein Wein.”).

Die vier Negationen der Parataxe fin­den in der all­ge­mei­nen Feststellung des fünf­ten Hauptsatzes („Nichts war da…”) ihre Zusammenfassung. Eingebunden in diese Reihe von Negationen und Teil des ver­nein­ten Abschlusssatzes scheint selbst der Hinweis auf die Freiheit im Kontext die­ser Diärese etwas Negatives zu sein. Damit tritt deut­lich her­vor, dass die Auswanderer auch nach der ernüch­tern­den Konfrontation mit der Wirklichkeit außer­stande sind, ihre wahre Situation zu erken­nen: In der Enttäuschung über die ver­lo­re­nen Illusionen wird die gewon­nene Freiheit für nichts erach­tet.

Die Wirkung die­ser inhalt­lich so bedeut­sa­men Textstelle ver­stärkt Kunert jedoch nicht nur durch die diä­re­ti­sche Form syn­tak­ti­scher Koordinierung, son­dern auch durch Anapher („Keine Spur ...keine Spur…”), Alliteration und Binnenreim, sowie durch den Einleitungssatz mit Doppelpunkt, wel­cher die nach­fol­gende enu­me­ra­tio ankün­digt und her­vor­hebt. – Das Mittel der Aufzählung setzt der Autor gleich­falls zur poin­tier­ten Beschreibung der erneu­ten Umkehr im Denken der Flüchtlinge ein.

Der syn­tak­ti­sche Parallelismus und die Reihung der Genitivobjekte in die­sen ers­ten Zeilen des Schlussabschnitts bie­ten dabei fol­gen­des Bild:

Mit der fünf­tei­li­gen Congeries (a—e) stellt Kunert dar, wie unter dem Druck der täg­li­chen Strapazen bei der Urbarmachung des Dschungels das Bild Spaniens sich im Gedächtnis der Emigranten wan­delt. Ihre Vergangenheit, die über­schat­tet war von den Autodafés der Inquisition, der pedan­ti­schen Strenge der Gerichtsbeamten, der des­po­ti­schen Härte eines gna­den­lo­sen Königs und der Angst vor dem Henker hat in der wehmütig-sehnsuchtsvollen Erinnerung all­mäh­lich alle Schrecken ver­lo­ren. Im Text kommt die Umwertung durch euphe­mis­ti­sche Verkürzungen zum Ausdruck, in denen sich nichts mehr von den eigent­li­chen Wesenszügen der spa­ni­schen Wirklichkeit wider­spie­gelt. Aus den Traumbildern von “El Dorado” sind die ver­klär­ten Erinnerungen an ein idea­li­sier­tes, uto­pi­sches Spanien gewor­den. Kunert stei­gert die Amplifikation die­ses Abschnitts noch durch den Hinweis auf die Wandlung, die das Bild des Königs vor dem „inne­ren Auge” der Remigranten erfah­ren hat. Philipp scheint nun, „von Gloriole umge­ben, seine irren­den Söhne zu erwar­ten”. Die Anspielung auf das bib­li­sche Gleichnis vom ver­lo­re­nen Sohn zeigt mit letz­ter Deutlichkeit, wie sich die wah­ren Verhältnisse im Bewusstsein der heim­kehr­wil­li­gen Flüchtlinge ver­kehrt haben.

So, wie für die sprach­li­che Gestaltung der Eingangszeilen des Schlußabschnitts Congeries (a-e), Alliteration (1–3), Isokolon (1–3) und das in beton­ter Spitzenposition ste­hende Adverb „weh­mü­tig” von Bedeutung sind, hat in den bei­den Schlusssätzen die Rhythmisierung der Sprache eine wesent­li­che Funktion. Man ver­glei­che hierzu die fol­gende Takteinteilung mit der Festlegung der Ikten und staben­den Silben:

Der Wechsel von zwei­glied­ri­gen und drei­glied­ri­gen Takten, wie er gerade in Verbindung mit Alliteration für freie Rhythmen cha­rak­te­ris­tisch ist, inten­si­viert das Bild des laby­rin­thi­schen Dschungels, in dem sich die von ihren Traumvisionen genarr­ten Flüchtlinge end­gül­tig ver­lie­ren.

Bei Kunerts Text „El Dorado” han­delt es sich aber nun kei­nes­wegs um eine rein his­to­ri­sche Erzählung, wenn­gleich der Bezug auf die Zeit König Philipps unüber­seh­bar ist. Vielmehr wird am geschicht­li­chen Exempel eine Grundweise mensch­li­chen Daseins beschrie­ben, die in den sich wan­deln­den his­to­ri­schen und gesell­schaft­li­chen Verhältnissen immer wie­der neu auf­zu­de­cken ist. Persönliche Erfahrungen Kunerts auf dem Weg von Ost– nach Westdeutschland mögen den Anstoß zum Entwurf des Textes gege­ben haben, doch würde man den Sinn die­ser para­bo­li­schen Erzählung ver­kür­zen, wollte man allein in den Hoffnungen und Enttäuschungen Ausgewanderter mög­li­che Analogien zum Fall der spa­ni­schen Emigranten sehen. Immer da, wo Menschen sich phan­ta­sie­volle Gegenbilder zu einer bedrü­cken­den Wirklichkeit schaf­fen, immer dort, wo sie auf die Erfüllung ihrer Sehnsüchte und Träume hof­fen, wo sie „Unterwegs nach Utopia” sind, droht ihnen bit­tere Ernüchterung. Und so heißt es bezeich­nen­der­weise in den Anfangszeilen von Kunerts Gedicht „Keine Neuigkeit aus Troja”:

„Wer
einen Traum wahr­ma­chen will

zer­stört jeden Traum
gestand Kassandra ster­bend…

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